1. Allgemeine Grundlagen

In der Arbeitsgruppe Bewegung und Psychomotorik wird die Entwicklung der Motorik und ihr Zusammenhang mit kognitiven, emotionalen und sozialen Entwicklungsprozessen systematisch untersucht. Bewegung gilt als Grundlage eines aktiven Lebensstils, ihr Beitrag für die Gesundheit und Entwicklung von Kindern steht im Zentrum der Forschungs- und Transferaktivitäten der Arbeitsgruppe.

Eine Besonderheit der Arbeitsgruppe ist das interdisziplinär zusammengesetzte Team. Hier sind Pädagoginnen, Motolog/innen, Sport- und Bewegungswissenschaftler/innen, Psychologinnen, Gesundheitswissenschaftler/innen, Humanbiologinnen, Reha-, Sprachheil- und Heilpädagoginnen tätig. Nicht nur das breitgefächerte Wissen über sieben Fachdisziplinen hinweg ist für die Bearbeitung der Forschungsthemen und Praxisprojekte aufschlussreich, sondern auch die fachspezifischen Blickwinkel und unterschiedlichen methodischen Schwerpunkte sind für die Forschungsarbeit gewinnbringend.

Bewegung und Wahrnehmung spielen von Geburt an eine wesentliche Rolle für die gesamte Entwicklung. Die Erkundung und das Umgehen mit dem eigenen Körper bildet im Verbund mit neugierigem Interesse und Erkundungsbereitschaft die Basis für die Exploration der sozialen und materialen Umwelt. Das Kind ist von Geburt an fähig zur Bildung von Theorien, die es durch das eigene Handeln überprüft, verwirft, bestätigt und modifiziert. Lernprozesse laufen selbst initiiert, selbst organisiert und erfahrungsabhängig ab.

Bewegung ist vom ersten Lebenstag an Motor der gesamten kindlichen Entwicklung. Frühkindliche Entwicklung ist ein Prozess, der geprägt ist durch die aktive sinnliche Aneignung der Welt, eingebettet in die soziale Interaktion des Kindes mit seiner Umwelt. Entwicklungsförderung bedeutet in diesem Zusammenhang, das Selbstbildungspotential der Kinder zu unterstützen und herauszuformen und durch anregende Begleitung durch den Erwachsenen das Interesse an der Welt wach zu halten und ihrer forschenden Neugier entgegen zu kommen (vgl. Zimmer 2012).

Eine solche Auffassung von Entwicklung hat Konsequenzen für die Entwicklungsbegleitung von Kindern und für die Gestaltung von Bildungsprozessen.

Die Entwicklung der sinnlichen Wahrnehmung ist der Anfang aller Erkenntnisse. Es sind die Sinne, durch die der Mensch seine Außenwelt wahrnimmt, mit ihr kommuniziert, auf sie einwirkt. Bereits in den ersten Lebensmonaten ist der Säugling sowohl in seiner Wahrnehmungsorganisation als auch in seinem Interaktionsverhalten aktiv und differenziert, dabei geben die Bewegungshandlungen dem Kind Rückmeldemöglichkeiten für die Einschätzung der eigenen Person – es erhält quasi ein „sensorisches Feedback“. Das „Selbst“ wird als Urheber von Handlungen erlebt.

Kinder erleben durch ihre körperlichen Aktivitäten, dass sie selbst imstande sind etwas zu leisten, ein Werk zu vollbringen. Sie erleben in Bewegungshandlungen, dass sie Verursacher bestimmter Effekte sind, dass sie eine Wirkung hervorrufen und diese auf sich selbst zurückführen können. Dies ist die Grundlage für den Aufbau eines positiven Selbstkonzeptes (vgl. Zimmer 2013).

Zum Bild des Kindes

Pädagogisches Handeln ist immer davon abhängig, welches Menschenbild wir haben, welches Bild des Kindes unser Handeln leitet. Das Menschenbild entscheidet über Inhalte und Methoden pädagogischen Wirkens (vgl. Zimmer 2013).

Das Kind ist ein soziales Wesen. Es ist auf die Interaktion mit anderen angewiesen und wird in seiner Entwicklung geprägt durch die Qualität seiner sozialen Beziehungen. Kinder entwickeln im täglichen Umgang mit anderen soziale Fähigkeiten, die die Voraussetzung für das soziale Miteinander bilden. Sie übernehmen zunehmend soziale Verantwortung und lernen, mit Konflikten umzugehen. Positive soziale Erfahrungen tragen zur Entwicklung sozialer Kompetenzen bei. Hierfür sind Kinder auf ein Übungsfeld in einer sozialen Gemeinschaft angewiesen, in der sie Chancen zum Aufbau von Bindung und Beziehung haben.

Das Kind ist ein Bewegungswesen. Es ist auf Wahrnehmung und Bewegung angewiesen, um sich ein Bild von sich selbst zu machen, um die eigenen Fähigkeiten einzuschätzen und sich die Welt aktiv anzueignen. Dabei spielen insbesondere die körpernahen Sinne eine wichtige Rolle: Wahrnehmung über die Körpersinne, die Haut, über die Bewegung und das Gleichgewichtsempfinden, die Wahrnehmung der eigenen Position und Lage im Raum vermitteln dem Kind ein Bild von der Welt und von sich selbst in ihr.

Das Kind ist ein von Anfang an aktiv lernendes, kompetent handelndes Wesen, das seine eigene Entwicklung vorantreibt und seine Umwelt deutet. Es benötigt jedoch auch Bezugspersonen, die es in seinem Bedürfnis nach forschendem und entdeckendem Lernen unterstützen, die ihm Anregungen und Herausforderungen geben und damit neue Erfahrungsmöglichkeiten eröffnen.

Ein solches Menschenbild führt zu einem Erziehungs- und Bildungsverständnis, das Bewegung als elementare Handlungs- und Ausdrucksform des Kindes in den Vordergrund der pädagogischen Arbeit stellt und über sie die körperlich-motorische Entwicklung, aber auch die sozial-emotionale und kognitive Entwicklung unterstützen will. Eine Förderung, die sich auf das genannte Menschenbild bezieht, berücksichtigt einerseits die Selbstbildungsprozesse des Kindes, stützt sich aber auch auf die anregende und begleitende Rolle der Erzieherin durch Angebote und Herausforderungen (vgl. Fischer 1996; Zimmer 2014; 2013).

Die Befähigung zur selbstverantwortlichen Lebensführung lässt sich nur angemessen denken, wenn dabei Gesundheit und Wohlbefinden und damit auch die Achtsamkeit gegenüber dem Körper, dem eigenen wie dem der anderen, einbezogen sind.

Im Folgenden werden die laufenden Projekte und Arbeitsschwerpunkte der Forschungsgruppe Bewegung und Psychomotorik beschrieben.

Literatur

Fischer, K. (1996). Entwicklungstheoretische Perspektiven der Motologie des Kindesalters. Schorndorf: Hofmann.

Zimmer, R. (2012). Bewegung als Motor des Lernens (nifbe-Themenheft Nr. 2). Osnabrück: Niedersächsisches Institut für frühkindliche Bildung und Entwicklung.

Zimmer, R. (2013). Handbuch der Psychomotorik. Theorie und Praxis der psychomotorischen Förderung von Kindern (1. Aufl. der überarb. Neuausgabe, 13. Gesamtaufl.). Freiburg: Herder.

Zimmer, R. (2014). Handbuch der Bewegungserziehung. Didaktisch-methodische Grundlagen und Ideen für die Praxis (1. Ausg. der überarb. u. erweit. Neuausgabe, 26. Gesamtaufl.). Freiburg: Herder.