4.5 Lese- und Sprachförderung für geflüchtete Kinder und deren Mütter

Projektleitung:
Prof. Dr. Renate Zimmer

Projektmitarbeiterinnen:
M.A. Mot. Elisabeth König
M.A. Bewegungswiss. Marina Kuhr
Dipl. Reha.-Päd. Julia Kristoph (bis 2016)

Förderung:
Stahlwerkstiftung Georgsmarienhütte

Förderzeitraum:
Januar 2016 – Dez. 2017

Projekthintergrund

Sprache gilt als Schlüsselkompetenz für Bildung und für eine erfolgreiche Integration. Frühe und vor allem vielfältige Erfahrungen mit Büchern und Schrift legen den Grundstein für weitere (Sprach‑)Bildungsprozesse. Sie unterstützen die kindliche Sprachentwicklung und ermöglichen langfristig Bildungsvorteile, da sie wesentliche Grundlagen für das Lesen, Schreiben und Rechtschreiben sind (Whitehurst & Lonigan, 2001). Je nach familiärer Situation, sozio-kulturellem Umfeld, Zugang zu kulturellen Einrichtungen und Betreuungssituation machen Kinder sehr unterschiedliche Erfahrungen mit der Schrift und Buchkultur. Dies führt zu einer großen Chancenungleichheit im Bildungssystem zwischen privilegierten und eher benachteiligten Kindern. Insbesondere Kinder aus geflüchteten Familien, die einer unsicheren, fluktuierenden Lebenssituation und einem Mangel an sozialer Vernetzung ausgesetzt sind, sind von dieser Chancenungleichheit betroffen. Je früher die Literacy-Bildung einsetzt, desto höher ist die Möglichkeit, ungleiche Bildungschancen auszugleichen.

Anliegen des Projekts war es, geflüchteten Müttern und ihren Kindern unter drei Jahren den Zugang zur deutschen Sprache zu erleichtern, indem ihnen frühe und gemeinsame Erfahrungen mit der Buch- und Schriftkultur ermöglicht werden. Es sollte ein Angebot geschaffen werden, durch das die Kinder spielerisch mit der deutschen Sprache in Kontakt kommen und die Mütter das sprachanregende Potential von Büchern, Geschichten, Bewegung und Gesang erfahren. Grundlage der Sprachförderung bildet das handlungsorientierte Konzept der „Bewegten Sprache“ nach Renate Zimmer (Zimmer, 2016).

Eine weitere Zielsetzung lag darin, die teilnehmenden geflüchteten Familien in Kontakt mit im Stadtteil lebenden Familien zu bringen und ihnen den Zugang zu öffentlichen Bildungsangeboten zu erleichtern.

Zielgruppe waren insbesondere geflüchtete Mütter mit ihren Kindern unter drei Jahren, die in den dezentral gelegenen Gemeinschaftsunterkünften in Osnabrück untergebracht sind. Durch ihre Aufgabe der Kindererziehung und der dezentralen Lage der Unterkünfte ist ihnen der Zugang zu öffentlichen Sprachbildungsangeboten besonders erschwert. Geplant und durchgeführt wird das Angebot durch die Mitarbeiterinnen des Instituts für Sport- und Bewegungswissenschaft der Universität Osnabrück / der Arbeitsgruppe Bewegung und Psychomotorik des Nifbe, Julia Kristoph, MA Rehabilitationswissenschaftlerin und akademische Sprachtherapeutin und Elisabeth König, MA Motologin und Sportwissenschaftlerin.

Projektbeschreibung

Aufbauend auf dem Konzept „Bewegte Sprache“ (Zimmer, 2016) und angelehnt an das Projekt „LOSlesen – Leseförderung von Anfang an“, ein Projekt der Bibliotheken in der Region Osnabrück, wurde das Lese- und Sprachbildungsangebot für geflüchtete Mütter und Kinder unter besonderer Berücksichtigung ihrer Lebenssituation (traumatische Erfahrungen, mangelnde Orientierung, fehlendes soziales Netzwerk) entwickelt.

Seit April 2016 findet das zweistündige Angebot im wöchentlichen Rhythmus in den Räumlichkeiten des Jugendzentrums Westwerk im Stadtteil Eversburg, Osnabrück statt.

Das Projekt wurde in drei aufeinander aufbauenden Phasen durchgeführt, um Schritt für Schritt eine Integration in bestehende Bildungsangebote zu erreichen:

 

Projektphasen

  1. Zu Beginn der ersten Projektphase wurden die Gemeinschaftsunterkünfte mit dem höchsten Anteil geflüchteter Mütter mit Kindern im Alter von 1-3 Jahren eruiert. In Zusammenarbeit mit der Stadt Osnabrück und der Koordinierungsstelle für Flüchtlingssozialarbeit konnte der höchste Anteil in den Gemeinschaftsunterkünften an der Atterstraße festgestellt werden. Um den geflüchteten Müttern den wohnortnahen Zugang zu dem Bildungsangebot zu gewähren, wurden die Räumlichkeiten des Jugendzentrums Westwerk angemietet, die sich gegenüber den Gemeinschaftsunterkünften befinden. Durch persönliche Besuche der Mitarbeiterinnen in den Gemeinschaftsunterkünften wurden die Familien mit mehrsprachigen Informations- und Anschauungsmaterialien auf das Angebot aufmerksam gemacht. Zudem informierte die Koordinierungsstelle für Flüchtlingssozialarbeit über das Projekt im Rahmen ihrer Beratungsstunden in den Unterkünften. Im Zeitraum vom 01.04. bis zum 01.05.2016 wurden die Mütter und Kinder durch die Projektmitarbeiterinnen an ihrem Wohnort aufgesucht und zu den Räumlichkeiten des Westwerks begleitet. Um den Zugang zu dem Sprachbildungsangebot für die geflüchteten Mütter und Kinder möglichst niedrigschwellig zu gestalten, wurden zunächst nur geflüchtete Mütter angesprochen. Erst nach einer ersten Phase des Kennenlernens der Stundeninhalte, des hiesigen Bildungsstils sowie gemeinsamer Kommunikationsmöglichkeiten sollte das Angebot für im Stadtteil lebende Mütter geöffnet werden.
  2. In der zweiten Phase Anfang Mai 2016 wurden die Mütter dazu angeregt, die fußläufig gelegenen Räumlichkeiten mit ihren Kindern selbstständig aufzusuchen. In Zusammenarbeit mit der Koordinierungsstelle für Flüchtlingssozialarbeit wurden weitere geflüchtete Mütter und Kinder aus den Gemeinschaftsunterkünften an der Schwenkestraße, Osnabrück, eingeladen, die erst kürzlich nach Deutschland gekommen sind und weder über Deutschkenntnisse noch über soziale Kontakte verfügten. Auch besuchten die Projektmitarbeiterinnen die geflüchteten Familien direkt bei ihrem Wohnort und machten mit Hilfe eines Dolmetschers des Fachdienstes Integration der Stadt Osnabrück auf die Möglichkeit zur Sprach- und Leseförderung aufmerksam.In dieser Phase wurde das Angebot auch für andere interessierte, im Stadtteil lebende Mütter und deren Kinder geöffnet. Um auf diese Möglichkeit aufmerksam zu machen, informierten die Projektmitarbeiterinnen mit Aushängen und besuchten das Elterncafé des Jugendzentrums Westwerk.
  3. Die dritte Phase des Projektes sah vor, den geflüchteten Müttern und Kindern Wege in öffentliche Bildungsangebote zu ebnen. Hierfür kontaktierten die Projektmitarbeiterinnen zunächst die umliegenden Kindertageseinrichtungen, in die die geflüchteten Kinder aufgenommen werden sollten. Durch Hospitationen in den zukünftigen Kindertageseinrichtungen nahmen die Projektmitarbeiterinnen Rituale und Lieder auf, die in das Angebot der Lese- und Sprachförderung integriert wurden. Dies hatte zum Ziel, dass die geflüchteten Kinder bei dem Übergang in die Kita – einer erneut fremden Umgebung – bereits vertraute Lieder und Rituale wiedererkennen, die ihnen Sicherheit bieten. Ebenso wurden die pädagogischen Fachkräfte über die Inhalte des Lese- und Sprachförderangebotes, das zugrunde legende Konzept der „Bewegten Sprache“ sowie über die Lieblingsreime und Fingerspiele der geflüchteten Kinder informiert. Um den geflüchteten Kindern den Übergang in die Kindertageseinrichtung zu erleichtern, regten die pädagogischen Fachkräfte die persönliche Begleitung bei der Eingewöhnung durch die Projektmitarbeiterinnen an.

Ausblick

Erste Ziele des Projektes wie den geflüchteten Müttern und Kindern den Zugang zur deutschen Sprache zu erleichtern und ihnen Erfahrungen mit der hiesigen Buch- und Schriftkultur zu ermöglichen sowie sie in Kontakt mit deutschsprachigen Müttern zu bringen, wurden bereits erreicht. Um die angestoßenen Sprachbildungsprozesse weiterhin aufrechterhalten zu können und die Hinführung zur Teilnahme der geflüchteten Mütter und Kinder an weiteren öffentlichen Bildungsmaßnahmen zu erzielen, werden die Projektarbeiten in 2017 fortgeführt.

Die Projektmitarbeiterinnen konzentrieren sich dabei auf die gewünschte Begleitung der geflüchteten Kinder bei ihrem Übergang in die Kindertageseinrichtung, die Fortführung des Angebotes zur Lese- und Sprachförderung sowie auf eine niedrigschwellige Gestaltung des Zugangs zu weiteren öffentlichen Bildungsmaßnahmen.

Literatur

Rothweiler, M. & Ruberg, T. (2011). Der Erwerb des Deutschen bei Kindern mit nichtdeutscher Erstsprache. München: Deutsches Jugendinstitut.

Whitehurst, G. J. & Lonigan, C. J. (2001). Development from pre-readers. In S. Neumann & D. Dickenson (Eds.), Handbook of Early Literacy Development (pp. 11-29). New York: Guilford.

Zimmer, R. (2016). Handbuch Sprache und Bewegung. Alltagsintegrierte Sprachbildung in der Kita. Freiburg: Herder.