4.3 LOSlesen – Leseförderung von Anfang an

Wissenschaftliche Begleitung des Projektes „LOSlesen“ des Landkreises Osnabrück Fachbereich Kultur (Stadtbibliotheken)

Projektleitung:
Prof. Dr. Renate Zimmer

Projektmitarbeiterinnen:
Dipl. Mot. Fiona Martzy
Dipl. Reha.-Päd. Stefanie Rieger

Dokumentation:
M. A. Nadine Vieker

Projektzeitraum:
2008-2016

Hintergrund

Die Studien der Stiftung Lesen zeigen auf, dass Kindern heutzutage immer weniger vorgelesen und der Umgang mit dem Buch nur in wenigen Familien gepflegt wird. Dabei haben das Vorlesen und insbesondere das Erzählen von Geschichten, das Singen von Liedern und das Reimen von Versen Auswirkungen auf die sprachliche und kognitive Entwicklung. Auch die spätere Lesefähigkeit wird durch einen frühzeitigen Umgang mit dem Buch unterstützt. Neben der Förderung dieser Entwicklungsbereiche spielt auch die Eltern-Kind-Beziehung eine besondere Rolle. Beim gemeinsamen Vorlesen ist der Kontakt zwischen Eltern und Kind sehr eng, wodurch die Möglichkeit für ein intensives Miteinander gegeben wird. Um den Eltern die Bedeutung des Buches und des Vorlesens wieder näher zu bringen, ist das Projekt „Loslesen – Leseförderung von Anfang an“ in Zusammenarbeit mit den Bibliotheken des Stadt- und Landkreises Osnabrück und in Kooperation mit dem Projekt Lesestart unter Begleitung der Beratungsstelle für öffentliche Bibliotheken Weser-Ems, den ansässigen Kinderärzten und dem nifbe im Sommer 2008 entstanden.

Die Projektinitiative ging von der Kinder- und Jugendbibliothek aus. Anliegen der Bibliothek war der Wunsch nach einer wissenschaftlichen Begleitung des Projektes „LOSlesen“ durch das nifbe bzw. die Universität.

Der Kontakt zu den Eltern wurde über die Osnabrücker Kinderärzte hergestellt. Während der U-6-Untersuchung wurden die Eltern bzw. Familien über die Bedeutung des Vorlesens aufgeklärt und zu der Teilnahme an dem Projekt motiviert.

Abbildung 13: Bücher mit Freude entdecken

Seit November 2008 finden Bücherbabytreffs statt, mit dem Ziel, Kinder ab dem Alter von einem Jahr in ihrer Entwicklung zu fördern und den Spaß am Umgang mit dem Buch zu vermitteln. Die Bücherbabytreffs werden von pädagogischen Fachkräften geleitet und setzen sich aus verschiedenen Sequenzen zusammen (z. B. Bewegungslieder, Vorlesen eines Buches, freie Lesezeit mit den Eltern). An den verschiedenen Standorten in der Stadt und im Landkreis Osnabrück sind die Bücherbabytreffs unterschiedlich organisiert. So finden die Gruppen teilweise wöchentlich, teilweise alle 14 Tage statt. Auch die Gruppenstruktur ist unterschiedlich: Es gibt sowohl Gruppen mit festen Teilnehmern als auch sehr offene Angebote, bei denen in jeder Stunde andere Kinder und Eltern teilnehmen. In der Regel dauert der Bücherbabytreff 45 Minuten.

 

Aufgabe der Forschungsstelle Bewegung und Psychomotorik war es zu Beginn des Projekts unter verschiedenen Gesichtspunkten zu evaluieren. Dies geschah durch eine begleitende Beobachtung und die Entwicklung eines teilstandardisierten Fragebogens für eine Eltern- sowie Gruppenleiterbefragung.

 

Die Zusammenarbeit (s. Abb. 14) bestand zunächst aus einer Beratung in der Buchauswahl und der Unterstützung bei der Herausarbeitung von Projektzielen seitens der Bibliothek sowie einer beobachtenden Begleitung. Beobachtungsschwerpunkte (Bewegung, Wahrnehmung, Sprache, soziale Interaktion und sozial-emotionales Verhalten) wurden definiert, um die Forschungsinteressen der Forschungsstelle Bewegung und Psychomotorik auch in einem Projekt, bei dem das Lesen im Vordergrund steht, vertreten zu können.

Ein weiterer Fokus bei den Beobachtungen lag darin zu erkennen, ob die Ziele, die die Bibliothek zu Beginn des Projektes aufgestellt hat, durch das Angebot erreicht werden konnten.

Abbildung 14: Arbeitsschwerpunkte der Kooperation

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Neben gemeinsamen Überlegungen wurde ein vorläufiges Evaluationsdesign für eine Begleitung seitens der Forschungsstelle über drei Jahre erarbeitet. Dieses Design umfasst die Bausteine der begleitenden Beobachtung und einer Evaluation mittels einer Fragebogenerhebung von teilnehmenden Eltern und Gruppenleitungen im dritten Projektjahr. In Zusammenarbeit mit den Projektinitiatoren wurden konkrete Zielsetzungen formuliert, die im Projekt verfolgt und anhand der Fragebögen evaluiert werden sollen.

Diese sind:

  • Das Medium Buch bekannt und attraktiv machen
  • Vorleseanregungen für die Kleinsten geben
  • Kinder dabei unterstützen ein Gefühl für Rhythmus und Sprache zu entwickeln und frühzeitig mit Sprache in Berührung zu kommen
  • Spielerische Kontaktaufnahme der Kinder mit dem Buch
  • Sprach-Entwicklungsförderung der Kinder
  • Gemeinsam verbrachte Zeit von Eltern und Kindern
  • Eltern-Kind-Beziehung stärken

Darüber hinaus war eine weitere Zielsetzung der Evaluation herauszufinden, welche Bereiche der kindlichen Entwicklung in den LOSlesestunden gefördert werden.

Nach ersten, eher offenen Beobachtungen wurden in die schriftliche Befragung schließlich folgende Entwicklungsbereiche einbezogen:

  • Bewegung
  • Wahrnehmung
  • Sprache
  • Soziale Interaktion
  • Emotionales Verhalten

Für die Befragung wurden sowohl für die Eltern- als auch für die Gruppenleiterbefragung teilstandardisierte Fragebögen entwickelt. Dieser Fragebogentyp wurde gewählt, um Vorteile sowohl von standardisierten als auch von offenen Fragetypen zu nutzen. Der überwiegende Teil der Fragen besteht aus geschlossenen Fragen, um möglichst viele Personen zu erreichen, die den Fragebogen mit geringem Aufwand innerhalb der LOSlesestunden ausfüllen können und andererseits auch einen adäquaten Arbeitsaufwand für die Auswertung der Bögen im Rahmen des Projektes sicherstellen zu können. Zudem wurden jeweils einige offene Fragen gestellt, um den Befragten die Möglichkeit zu geben, frei ihre Meinung äußern zu können und zuvor nicht berücksichtigten Aspekten und neuen Gedanken Raum zu geben (vgl. Kreibich & Aufenanger 2009).

Die Evaluationsergebnisse des Projektes „LOSlesen“ zeigen, dass die Ziele des Projektes, nämlich bei Kindern unter 3 Jahren und deren Eltern das Interesse am Vorlesen zu wecken und die Kinder dadurch in ihrer sprachlichen Entwicklung zu unterstützen, erreicht werden. Das Angebot wird von den Eltern insgesamt als sehr positiv bewertet. Untersucht wurde u.a. auch, welche Entwicklungsbereiche gefördert wurden. Insgesamt wurden 104 Elternteile befragt.

Aus Abbildung 20 wird ersichtlich, dass aus der Sicht der Eltern die Entwicklungsbereiche Sprache und Wahrnehmung bei den Kindern durch die Teilnahme an den LOSlese-Stunden am meisten gefördert werden. Der Entwicklungsbereich Bewegung wird von den Befragten überwiegend als „mittelmäßig“ gefördert eingeschätzt. Hier wäre es eine Überlegung, ob Möglichkeiten bestehen, in der Stundenstruktur noch verstärkter Bewegungselemente und aktive Spielideen zu integrieren, ohne dabei jedoch den Fokus auf das Buch und die Vorlesesituationen zu verlieren.

Abbildung 15: Geförderte Entwicklungsbereiche im Projekt „LOSlesen – Leseförderung von Anfang an“ aus Sicht der Eltern

Das folgende Diagramm (Abb. 16) und die untenstehende Tabelle (Tab. 1) zeigen, dass die Durchführung der Bücherbabytreffs insgesamt als sehr positiv bewertet wird. Nur 1% der befragten Eltern hat die Stunden mit „befriedigend“ bewertet; 98% mit „sehr gut“ und „gut“. Diese spricht sehr für eine gute Stundenstruktur, die sinnvoll von den Gruppenleitungen gestaltet wird. Ein Qualitätsmerkmal hierfür ist auch, dass die Gruppenleitungen an Fortbildungen teilnehmen (z. B. „Gedichte für Wichte“ oder „Es krabbelt in der Bibliothek“), in denen die Vermittlung von Büchern und eine kreative und aktive Gestaltung von Lesestunden mit unter Dreijährigen thematisiert werden.

Abbildung 21: Beurteilung der Durchführung durch die Teilnehmer

 

 

 

 

 

 

 

Aus einer offenen Frage der Fragebogenerhebungen nach Anmerkungen oder Kritik wird deutlich, dass sehr viele Eltern von dem Angebot begeistert sind und die Forderung nach einem Angebot auch für Kinder über zwei Jahren besteht (vgl. Tab. 1). Hierbei ist anzumerken, dass in vielen Gruppen die Altersobergrenze auf 2 Jahre festgelegt wurde. Dies ist unter anderem damit zu begründen, dass in einigen Gruppen Wartelisten bestehen und so den wartenden Familien mit jüngeren Kindern die Chance auf einen Platz gewährt werden soll. Aus dem Wunsch der Eltern wird jedoch deutlich, dass gerade Kinder ab 2 Jahren großes Interesse an Bilderbüchern zeigen und ein Angebot für diese Altersgruppe sicherlich sinnvoll wäre.

Tabelle 1: Persönliche Anmerkungen der Teilnehmer im Abschlussfragebogen (kategorisiert)

Persönliche Anmerkungen (Lob, Kritik, Anregungen)
(Antworten zu Kategorien zusammengefasst)
Nennungen
Lob allgemein 40
Lob an die Anleiterin 9
Wunsch nach einem Angebot auch für Kinder über 2 11
Zu lange Wartelisten 1
Guter Übertrag in den Alltag 2
Kostenbeitrag wäre o.k., wenn es weitergehen würde 3
1 Jahr zu früh. Erst ab 1,5 Jahren 2
Lieber wöchentlich als alle 14 Tage 3
Wissenschaftliche Begleitung nicht übertreiben 1
Lob an die Räumlichkeiten 2
Projekt weiter ausbauen 1
Schade, dass fast nur Leute kommen, die eh gerne lesen 1
Abwechslung für die Kinder 1
Noch kein Urteil möglich 1
Mehr Fingerspiele 1
Gibt es Möglichkeiten Kinder aus sozial schwachem Umfeld ansprechen? 1
Eigener Raum in der Bibliothek für mehr Bewegungsfreiheit 1
Nach einem Jahr könnte man etwas Abwechslung vertragen 1
Gast will Konzept zu Hause in der Bibliothek empfehlen 1
Mehr Fingerspiele 1
14 tägig auch ok 1
Bei 14 tägigem Rhythmus kann man kaum Rückschlüsse auf den Alltag ziehen 1
  n = 55
o.A. = 49
Ngesamt = 104

 

Die Laufzeit des Projektes „LOSlesen – Leseförderung von Anfang an“ endete im Sommer 2011. Auf einer Abschlussveranstaltung für alle Projektbeteiligten und die interessierte Öffentlichkeit wurden die Evaluationsergebnisse vorgestellt. Aufgrund der sehr positiven Resonanz und Nachfrage der Eltern eines Angebotes auch für Kinder ab 2 Jahren sowie einer gesicherten weiteren finanziellen Unterstützung konnte das Projekt nach den Sommerferien 2011 fortgeführt werden. Bisher konnten in mehreren Bibliotheken des Landkreises Osnabrück in einem Folgeprojekt mit dem Titel „Ab zwei dabei“ LOSlesegrupen für die Zielgruppe der Kinder im Alter ab 2 Jahren etabliert werden. Teilweise finden die Gruppen nun 14-tätig mit den regulären LOSlesegruppen im Wechsel statt, sodass die Gruppen für die ganz Kleinen ebenfalls bestehen bleiben. Insbesondere sollen hierbei auch Familien mit Migrationshintergrund angesprochen werden. Dieses Folgeprojekt soll über einen Zeitraum von 3 Jahren laufen.

Weitere Projektinformationen und aktuelle Termine über die Gruppen finden sich auf der Homepage des Projekts: www.loslesen-osnabrueck.de

Literatur

Kreibich, H. & Aufenanger, S. (Hrsg.). (2009). Evaluation in der Leseförderung. Eine Handreichung für die Praxis. Schriftenreihe der Stiftung Lesen 06. Mainz: Stiftung Lesen.