4.1 Psychomotorische Förderstelle

Förderstellenleitung:
Prof. Dr. Renate Zimmer

MitarbeiterInnen:
Dipl. Mot. Fiona Martzy
M.A. Nadine Matschulat (bis 31.12.2015)
Dipl. Mot. Peter Keßel
Dipl. Mot. Elisabeth König
BA Reha-Päd. Sophie Reppenhorst (bis 31.12.2016)

Dokumentation:
M. A. Nadine Vieker (bis 31.12.2016)

Bedarf für psychomotorische Förderung

Das Bewegungsverhalten von Kindern ist ein wichtiger Faktor für gelingende Entwicklungsprozesse. Durch Bewegung und Wahrnehmung interagieren Kinder mit ihrer Umwelt. Die zunehmende Mediatisierung, die auch vor den Kinderzimmern der Kleinkinder nicht Halt macht, hat zur Folge, dass viele entwicklungsrelevante Wahrnehmungs- und Bewegungserfahrungen nicht mehr ausreichend vorhanden sind. Die vermehrte Einschränkung der kindlichen Bewegungswelt spiegelt sich in der motorischen Leistungsfähigkeit der Kinder wieder. Bei vielen Kindern sind schon sehr früh koordinative und motorische Auffälligkeiten zu beobachten. Da das Körperkonzept von Kindern als die Basis für die Entwicklung des Selbstkonzeptes angesehen werden kann, wirken sich motorische Defizite meist auch negativ auf das Selbstkonzept des Kindes aus. An dieser Stelle setzen psychomotorische Förderkonzepte an. Sie bieten Kindern den Raum für spielerisch orientierte Bewegungs- und Wahrnehmungserfahrungen.

Die psychomotorische Förderstelle

Abbildung 11: Rollenspiele im gemeinschaftlichen Miteinander

Die psychomotorische Förderstelle wurde an der Universität Osnabrück im Fachgebiet Sportwissenschaft bereits 1979 durch Frau Prof. Dr. Zimmer und Herrn Prof. Dr. Meinhart Volkamer eingeführt. Sie ist seither zu einem wesentlichen Praxis- und Forschungsbereich ausgebaut worden. Seit 2008 bedingt durch die Gründung des nifbe und durch die Einrichtung der Forschungsstelle Bewegung und Psychomotorik wurden räumliche und technische Veränderungen und Verbesserungen möglich. So können die Gruppen auch für eine spätere Auswertung per Video aufgezeichnet werden. Das ist vor allem für eine qualitative Auswertung eine wertvolle Unterstützung und wird für Forschungs- und Studienprojekte (bspw. zum Selbstkonzept) eingesetzt. Auch die konzeptionelle Weiterentwicklung der psychomotorischen Förderstelle konnte fortgeführt werden.

Konzeptionelle Rahmenbedingungen

Das pädagogisch-therapeutische Konzept der Psychomotorik geht von einer engen wechselseitigen Verbindung zwischen psychischen Prozessen und Bewegung aus. Über das Medium Bewegung wird versucht eine tragende Beziehungsebene aufzubauen, die psychische Befindlichkeit positiv zu beeinflussen und durch einen ganzheitlichen Zugang die Bewegungs- und Wahrnehmungsfähigkeit der Kinder zu fördern und sie in ihrer Gesamtentwicklung zu unterstützen. Ziel der Psychomotorik ist es über Bewegungserlebnisse zur Stabilisierung der Persönlichkeit beizutragen und Situationen anzubieten, in denen Kinder Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten aufbauen können. Diese Erfahrungen werden durch gezielte Spiel- und Bewegungsangebote gefördert, bei denen individuelle Herausforderungen, die Unterstützung der Eigenaktivität und Selbstwirksamkeitserlebnisse entscheidend sind (Zimmer 2013).

Zielgruppe

Zurzeit werden insgesamt ca. 60 Kinder zwischen 3 und 12 Jahren betreut. Der Förderbedarf der Kinder liegt in unterschiedlichen Bereichen: Kinder mit motorischen Unsicherheiten und Wahrnehmungsbeeinträchtigungen, Kinder mit Verhaltensauffälligkeiten, aber auch Kinder, die sich z.B. im sozialen Kontaktaufbau zu anderen Kindern schwer tun oder in sprachlichen Bereichen Förderung benötigen. Die Gruppensituation fördert die Handlungs- und Kommunikationskompetenzen der Kinder.

Inhalte

Die Inhalte der psychomotorischen Förderung sind vielfältig und werden flexibel gestaltet, um den individuellen Bedürfnissen der Kinder gerecht werden zu können. Mögliche Elemente der Förderstunden sind z.B.:

  • themengeleitete Bewegungsangebote, die den Kindern die Möglichkeit der Identifikation mit Rollen und Symbolen ermöglichen
  • anregende Spielraumgestaltungen für Erkundungen mit Fahrgeräten wie Rollbrettern oder Drifties
  • großräumige Geräteaufbauten, an denen die Kinder eigenständig aktiv werden können
  • Wahrnehmungsübungen, integriert in ganzheitliche Spielzusammenhänge
  • Rollenspiele zur Förderung sprachlicher Kompetenzen
  • Bewegungsspiele, die auf die Altersgruppe und den Förderbedarf der Kinder abgestimmt werden (Integrationsaspekte)
  • gruppenstärkende Bewegungsspiele zur Förderung des gemeinschaftlichen Miteinanders und der sozialen Kompetenzen

Motodiagnostik

Zur psychomotorischen Förderung gehört eine umfangreiche Diagnostik. Dabei werden sowohl quantitative Verfahren (motorische Testverfahren) als auch qualitative Verfahren (Beobachtungsskalen etc.) eingesetzt. Durch die Neuauflage des MOT 4-6 kann nun ein Verfahren in der Motodiagnostik angewendet werden, dass eine quantitative mit einer qualitativen Auswertung verbindet. Dennoch kommen auch im Verlauf der Förderung weitere Beobachtunginstrumente zum Einsatz. Hierzu gehört z. B. die Beobachtung der motivationalen Haltung und der Selbsteinschätzung der Kinder. Diese vielseitigen Informationen fließen in die Förderplanung der Psychomotorikstunden mit ein. Die motorischen Tests werden halbjährlich wiederholt, so dass die Messwerte sich vergleichen lassen und festgestellt werden kann, ob Effekte im Rahmen der psychomotorischen Förderung auftreten. Die Daten werden auch als Entscheidungskriterium verwendet, ob die Kinder weiterhin Förderung benötigen, wobei nicht nur der MQ (Motorikquotient) ausschlaggebend für die Teilnahme der Kinder ist.

Psychomotorische Datenbank

Im Rahmen des nifbe-Portals steht seit 2010 erstmals für den deutschsprachigen Raum auch eine von der Forschungsstelle Bewegung und Psychomotorik initiierte Datenbank zur Psychomotorik zur Verfügung (www.nifbe.de/psychomotorik). Über komfortable Suchfunktionen sind hier derzeit rund 200 psychomotorische Institutionen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz zu finden – von Förderstellen über Fort- und Weiterbildungsinstitute oder Ausbildungsstellen bis hin zu Berufsverbänden und weiteren psychomotorischen Vereinigungen. Zudem ermöglicht die damit verbundene Wissenslandkarte „Psychomotorik“ ein Gesamtüberblick über psychomotorische Institutionen in Niedersachsen (www. http://nifbe.de/wissenslandkarten/psychomotorik). Die Datenbank wird nun ständig erweitert und bietet Einrichtungen aus dem Bereich der Psychomotorik / Motologie auch die Möglichkeit zur selbständigen Eintragung. Schon nach wenigen Tagen des Online-Betriebs zeigten die große Aufmerksamkeit und die vielen positiven Rückmeldungen, nicht nur aus dem deutschsprachigen Raum, dass mit dieser Datenbank eine wichtige Lücke in der Psychomotorik-Landschaft geschlossen wurde. Aufgrund des großen Interesses ist 2011 auch eine englische Version der Datenbank erarbeitet worden, um sie auch für andere europäische Länder verfügbar zu machen. Aktuell wird eine weitere Datenbank mit Kontaktdaten von Bewegungskindergärten in Deutschland erstellt, die u.a. auch Informationen zu länderspezifischen Maßnahmen und Zertifizierungssystemen enthalten soll.

Literatur 

Zimmer, R. (2013). Handbuch der Psychomotorik. Theorie und Praxis der psychomotorischen Förderung (1. Ausgabe der überarbeiteten Neuausgabe, 13. Gesamtaufl.). Freiburg: Herder.

Zimmer, R. (2015). MOT 4-6. Motoriktest für 4- bis 6-jährige Kinder (3., überarbeitete und neu normierte Aufl.). Göttingen: Hogrefe.