2.7 Psychomotorik macht Schule

Projektleitung:
Prof. Dr. Stefan Schache
Prof. Dr. Renate Zimmer

Projektmitarbeiterinnen:
Dipl. Mot. Fiona Martzy
Dr. Phil. Dipl. Psych. Brigitte Ruploh

Das Fachgebiet der Psychomotorik birgt mittlerweile (Fach-) Wissen und methodische Kompetenzen, auch Bildungseinrichtungen nach psychomotorischen Gesichtspunkten zu beraten und in Entwicklungsvorhaben zu begleiten. Im Rahmen einer Organisationsberatung einer großen diakonischen Einrichtung in Niedersachsen (Kindergärten und Tagesbildungsstätte [Förderschule]) werden zwei Forschungsschwerpunkte verfolgt: Zum einen wird der psychomotorische Beratungs- und Begleitungsprozess konzeptionell gestaltet und in der Praxis angewandt; zum anderen wird der Wissenskorpus der Psychomotorik neu profiliert, so dass eine Expertise für die inhaltliche und strukturelle Gestaltung von Bildungseinrichtungen entstehen und wachsen kann. Das Pilotprojekt hat vorerst eine Dauer von 2 Jahren (2012 – 2014) und wird durch unterschiedliche evaluative Maßnahmen vervollständigt.

Projektbeschreibung und Ziel des Projekts

Eine Bildungseinrichtung soll begleitet und beraten werden auf dem Weg zu einer inklusiven Einrichtung, die kein Kind oder Jugendlichen aufgrund seines individuellen So-Seins ausschließt. Dabei soll das psychomotorische Wissen einerseits einen expertokratischen Input liefern, andererseits ist das psychomotorische Methodenrepertoire das Mittel der Wahl für die Begleitung und Qualifizierung. Es handelt sich um einen Entwicklungsprozess, dessen Startbedingungen relativ klar umrissen werden können, dessen Verlauf zwar durch bestimmte Maßgaben gelenkt, aber im Kern offen ist. Dieser Umwandlungs- oder Entwicklungsprozess, der von der Psychomotorik begleitet, beraten und angestoßen wird, soll im gleichen Zuge auch eine Evaluierung erfahren. Ziel ist es also, die Effekte der psychomotorisch ausgerichteten Begleitung und Beratung zu untersuchen. Durch die Methodenwahl und das Design sind Verschränkungen zwischen Datenerhebung und inhaltlicher Gestaltung angestrebt. Diese sollen die Entwicklung hin zu einer inklusiven Schule und einem inklusiven Kindergarten gestalten und tragen, um letztendlich den Kindern und Jugendlichen ein ihnen gemäßes Bildungsangebot machen zu können.

Forschungsfragen

Aus dem Forschungsinteresse und den damit aufgespannten Themenfeldern ergeben sich folgende für die Forschung relevanten Fragestellungen:

  • Welche Kriterien müssen erfüllt sein, um eine Bildungseinrichtung (Schule, Kindergarten) als psychomotorisch bezeichnen zu können?
  • Wie ist der Prozess der Entwicklung zu gestalten? Welcher Prozessmerkmale bedarf es, um das Ziel einer psychomotorischen Bildungseinrichtung zu entwickeln?
  • Ist eine psychomotorische Bildungseinrichtung Wegbereiter für eine inklusive Kultur? Welche Kriterien liegen der Annahme zugrunde?

Methodologische Ausrichtung der wissenschaftlichen Begleitung

Es scheint durch die Ausrichtung des Projekts angebracht zu sein, zum einen den Beratungs- und Begleitungsprozess bei der Entwicklung zu einer inklusiven Bildungseinrichtung zu evaluieren, zum anderen diesen Beratungsprozess aber auch inhaltlich zu unterstützen. Während die Evaluation des Beratungsprozesses durchaus auf der Basis klassischer wissenschaftlicher Standards (Interview, Fragebogen, Beobachtung, Dokumentenanalyse) erfolgt, folgt die Unterstützung eher einem Handlungsforschungsansatz. Beide Vorgehensweisen sind aber methodisch schwer miteinander verträglich. Aus diesem Grunde wurde hier ein anderer Ansatz gewählt, in dem wissenschaftliche Begleitung als Kombination von Datenerhebung und Beratung (Consulting) verstanden wird.

Daraus ergibt sich ein klar strukturiertes Phasenmodell wissenschaftlicher Begleitung:

Datenerhebung -> Inhaltsanalytische Auswertung, Rückspiegelung -> Coaching, Beratung (vgl. König & Volmer 2005).

Forschungsverlauf

Um die Ausgangsbedingungen beschreibbar zu machen, wurden nach den ersten Initiierungsgesprächen Daten (in Form von Fragebögen und Interviews) erhoben. Neben den richtungsweisenden qualitativen Daten sollten zusätzlich quantitative Daten (z. B. zum Erleben der pädagogischen Fachkräfte sowie zum sozial-emotionalen Verhalten der Kinder) erhoben werden. Insgesamt orientierte sich die Untersuchung also an qualitativen und quantitativen Forschungsparadigmen: Nach der Feststellung der Ausgangssituation erfolgte eine methodologische Triangulation, um u. a. die Begrenztheit der Einzelmethoden durch ihre Kombination zu überwinden. Ziel der Triangulation ist zum einen die Validierung der Ergebnisse und die Steigerung der Reliabilität der Vorgehensweise, zum anderen, durch den Einsatz unterschiedlicher Methoden, eine möglichst umfassende, multiperspektivische Sicht zu gewinnen.

Bei den Interviews war eine Form des Leitfadeninterviews, das sog. Konstruktinterview, das Mittel der Wahl. Durch die weiteren qualitativen Erhebungen, sowohl auf der Ebene der Steuergruppe als auch auf der Mitarbeiterebene, sollten Daten und Aussagen gewonnen werden, die in die weitere Ausgestaltung der Fortbildungen eingespeist werden sollten. Es ergab sich dadurch eine enge Verzahnung zwischen wissenschaftlicher Begleitung, Evaluation und einer angestrebten Neujustierung der Fortbildungsinhalte. Die Rückspiegelung der Daten erfolgte immer zugleich an die Steuergruppe und die externen Experten für die Qualifizierung. So konnte das weitere Vorgehen unmittelbar an die vorliegenden Daten anschließen und eine möglichst große Passfähigkeit zwischen Angebot und den Bedürfnissen der Mitarbeiter und der Einrichtung erreicht werden.

Es ist der Art des Projektes geschuldet, dass ein Methodendesign gewählt wurde, das sich durch Reflexivität und Prozesshaftigkeit auszeichnet. Die Erkenntnisse, die aus dem erhobenen Material gewonnen wurden, wurden in den weiteren Prozess und die Strategie immer wieder hineingegeben, so dass neue Vermutungen und Annahmen entstehen und neue Zusammenhänge entdeckt werden konnten. Sogenannte „Schleifen“ und Rückbezüge sichern diese Form von Reflexivität. Die offene Fragestellung in der Datenerhebung, das heißt das hypothesenfreie Herantasten an den Gegenstand, bildete dabei die Ausgangsbasis.

Literatur

König, E. & Volmer, G. (2005). Systemisch denken und handeln. Personale Systemtheorie in Erwachsenenbildung und Organisationsberatung. Weinheim: Beltz.

Schache, S. (2009). Schule beraten: Organisationskultur und Körperarbeit als Schlüssel einer gelingenden Organisationsberatung. motorik, 32 (1), 2-8.


Abbildung 8: Design „Psychomotorik macht Schule“

 

_________________________________________________________________________________________Steuerungsgruppe (Vorstand, Leitung, MA, Verwaltung, …): dialogische Beratung aus motologischer Perspektive, prozessuale Komponente, Multiplikatorenaspekt MA (Mitarbeiter): psychomotorische Qualifizierung; dakp als Experte; expertokratische Komponente: zugeschnittene und auf Bedarfe der Einrichtung ausgerichtete Basisqualifikation
Datenerhebung: Steuergruppe, Mitarbeiter (Fragebogen und Interviews)
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