Bewegungsorientierte Sprachförderung von Kindern mit Migrationshintergrund

Bewegungsorientierte Sprachförderung von Kindern mit Migrationshintergrund

Projektleitung:

  • Prof. Dr. Renate Zimmer

Projektmitarbeiterinnen:

  • Dipl. Psych. Christine Gerhards (Universität Osnabrück)
  • M.A. Carmen Huser (nifbe)
  • Dipl. Psych. Simone Erbe (nifbe)

 

Projektgruppe

Aus dem Schwerpunkt der bewegungsorientierten Förderung sprachlicher Kompetenzen bei Kindern mit Migrationshintergrund entwickelte sich aufgrund der hohen Resonanz am Projekt „Bewegte Sprache – Sprachförderung durch Bewegung“, das im Fachgebiet Sportwissenschaft der Universität Osnabrück (Arbeitsgruppe Prof. Dr. Renate Zimmer) durchgeführt wird, ein eigenständiges Projekt. Durch die finanzielle Förderung der Friedel & Gisela Bohnenkamp-Stiftung war es möglich, alle interessierten Einrichtungen – also mehr als ursprünglich geplant – aufzunehmen, und darüber hinaus Kindertageseinrichtungen mit einem besonders hohen Anteil an Kindern mit Migrationshintergrund stärker und an die individuellen Bedürfnisse angepasst zu begleiten und zu unterstützen.

 

Begleitung und Inhalte

Neben der Teilnahme an der Fortbildung des Forschungsprojektes „Bewegte Sprache – Sprachförderung durch Bewegung“ findet in diesem Projekt eine enge, individuelle Begleitung der Erzieherinnen in den Kindertagesstätten mit hohem Migrationsanteil statt. Es wurde eine bestehende Kooperation mit Frau Prof. Dr. Havva Engin, die für die Sprachförderung bei Kindern mit migrationsbedingter Zwei- und Mehrsprachigkeit ausgewiesen ist, ausgebaut. In einer Arbeitsgruppe wurden die Projektinhalte an die Bedürfnisse dieser Zielgruppe angepasst. In enger Zusammenarbeit zwischen Projektmitarbeiterinnen und Erzieherinnen werden Förderangebote gemeinsam geplant, durchgeführt und reflektiert.

Seit Anfang des Jahres 2011 wurden in der monatlich durchgeführten Fortbildungsreihe „Bewegte Sprachförderung für Kinder mit Deutsch als Zweitsprache“ die vermittelten Inhalte der Fortbildung des ursprünglichen Hauptprojektes vertieft sowie durch weitere folgende Themen ergänzt:

 

Fortbildungsinhalte

  • Der Zweitspracherwerb: Theoretisches Modell des Zweitspracherwerbs des Deutschen bei Kindern mit Migrationshintergrund (vgl. Adler, 2010)
  • Bewegte Sprachförderung: Praxisbeispiele zur bewegten Sprachförderung bei Kindern mit DAZ
  • Sprachförderung im Kindergarten: Vorstellung der Arbeit einer Sprachförderkraft
  • Elternarbeit: Die pädagogische Zusammenarbeit mit Eltern mit Migrationshintergrund
  • Professionelle Haltung: Die Haltung der Erzieherin in Bezug auf die Arbeit mit Familien mit Migrationshintergrund
  • Waldtage: Bewegte Spracherfahrungen im Wald und dem Außengelände des Kindergartens
  • Bewegte Literacyerfahrungen: Praxisbeispiele in Bewegung für Kinder mit DAZ
  • Lerntagebuch: Die persönlichen Erfahrungen mit Migration und die Erlebnisse mit Kindern mit DAZ im pädagogischen Alltag reflektieren
  • Diversity im Kindergarten am Beispiel Literacy und Musik:Vielfalt der Sprachen und Kulturen in den Alltag konkret einbauen, z.B. Wie können wir andere Sprachen durch Medien z.B. Bücher oder Lieder verstärkt berücksichtigen und dadurch wertschätzen?
  • Interkulturelle Sensibilisierung und die Einbeziehung der Familien: Unterschiede der deutschen und der Migrationskultur, Sensibilisierung für die Herausforderungen mit Familien mit Migrationshintergrund und deren stärkeren Einbeziehung in den pädagogischen Alltag

 

Wissenschaftliche Begleitung

Die Erzieherinnen dokumentierten die Sprachentwicklung der Kinder mit Hilfe des Beobachtungsbogens sismik (Ulich & Mayr, 2006), der recht umfassende Daten über viele Bereiche der Sprachentwicklung innerhalb der alltäglichen kontextuellen Bedingungen der Kinder in der KiTa anspricht. Die Auswertung der sismik-Beobachtungsbögen sollte Aufschluss über die Effektivität der Förderung geben. Deshalb wurde der sismik zu zwei verschiedenen Stichterminen mit einem Interventionszeitraum von einem Jahr dazwischen eingesetzt, innerhalb dessen die Erzieherinnen die in den Fortbildungen erlernten Inhalte mit den Kindern umsetzten und sie auf diese Weise intensiver fördern konnten.

Des Weiteren werden qualitative Forschungsmethoden durchgeführt, um das Projekt zu evaluieren. In Einzelinterviews der Erzieherinnen soll die Besonderheit einer Sprachförderung durch Bewegung bei Kindern mit Deutsch als Zweitsprache, sowie deren Umsetzbarkeit untersucht werden. Die Ergebnisse der sismik-Auswertung sollen durch die Darstellung individueller Beobachtungen der Kinder unterstützt werden.

 

Ergebnisse

In der quantitativen statistischen Analyse und dem Vergleich der Ergebnisse des ersten Beobachtungszeitpunktes mit denen der zweiten Beobachtungsphase auf der Grundlage des o.g. Beobachtungsbogens stellte sich heraus, dass mit der bewegungsorientierten sprachlichen Förderung sehr erfreuliche Effekte erzielt wurden. So war in den meisten über den sismik erfassten Bereichen (genauer: auf 5 von 6 Skalen!) ein signifikanter, also bedeutsamer Entwicklungszuwachs hinsichtlich der deutschen sprachlichen Fähigkeiten der geförderten Kinder festzustellen, der sich im Vergleich nicht bei gleichaltrigen Kindern zeigte, die keine konsequente Förderung erhalten hatten.

 

Literatur

  • Adler, Y. (2010). Kompetenzentwicklungsmodell des Zweitspracherwerbs Deutsch bei Kindern unter 7 Jahren (KomMig). Die Sprachheilarbeit, 3, S. 121-128.
  • Ulich, M. & Mayr, T. (2003). Sismik. Sprachverhalten und Interesse an Sprache bei Migrantenkindern in Kindertageseinrichtungen (Beobachtungsbogen und Begleitheft). Freiburg: Herder.
  • Zimmer, R. (2009). Handbuch Sprachförderung durch Bewegung. Freiburg: Herder.

Förderung sprachlicher Kompetenzen von Kindern durch bewegungsorientierte Maßnahmen

Förderung sprachlicher Kompetenzen von Kindern durch bewegungsorientierte Maßnahmen

Projektleitung:

  • Prof. Dr. Renate Zimmer

Projektmitarbeiterinnen:

  • Dipl. Psych. Christine Gerhards (Uni Osnabrück)
  • M.A. Carmen Huser (nifbe)
  • Dipl. Reha.Päd. Nadine Madeira Firmino (nifbe)
  • Dipl. Reha.-Päd. Ricarda Menke (Uni Osnabrück Institut für Sport und
    Bewegungswissenschaften – Drittmittelprojekt)
  • Dipl. Psych. Brigitte Ruploh (nifbe)

 

Projektgruppen und Inhalte

Am Projekt „Förderung sprachlicher Kompetenzen von Kindern durch bewegungsorientierte Maßnahmen“, das im Fachgebiet Sportwissenschaft der Universität Osnabrück (Arbeitsgruppe Prof. Dr. Renate Zimmer) durchgeführt wurde, nahmen rund 50 Kindergärten aus der Stadt und dem Großraum Osnabrück teil. Es wurde vom Ministerium für Wissenschaft und Kultur des Landes Niedersachsen gefördert. Zielgruppe waren sowohl Kinder im Alter von 3-6 Jahren als auch Kinder im Krippenalter. Das Projekt endete im Herbst 2011.

Insgesamt beteiligten sich ca. 100 Erzieherinnen aktiv am Projekt. Sie nahmen regelmäßig an themenspezifischen Fortbildungen teil, die von den Projektmitarbeiterinnen im Sportzentrum der Universität Osnabrück angeboten wurden. Hier wurden Fachkompetenzen in Bezug auf das Thema „Sprachförderung durch Bewegung“ aufgebaut und erweitert sowie die praktische Umsetzung der Inhalte in den Einrichtungen reflektiert. Es wurden Möglichkeiten aufgezeigt, wie einzelne Bereiche der Sprachentwicklung in Bewegungsanlässen unterstützt werden können. Theoretische Hintergründe wurden vertieft sowie Praxisideen gemeinsam erprobt.

Die Evaluation der Fortbildung durch die ProjektteilnehmerInnen zeigte, dass die Fortbildungsinhalte als wichtig für die pädagogische Arbeit eingestuft wurden und gut im Kindergartenalltag umzusetzen seien.

Im Projekt wurde auch in einem Schwerpunkt besonders die Zielgruppe der Kinder unter drei Jahren berücksichtigt. Hier wurden neben der Qualifizierung der Erzieherinnen auch die Eltern und Familien der Kinder intensiv eingebunden. Es fanden Elternnachmittage bzw. -abende in Fortbildungsform statt, an denen die Sprachentwicklung und die Bedeutsamkeit der Sprache herausgestellt wurden. Außerdem konnten Inhalte praktisch erlebt werden, sodass die Eltern für ihre bedeutsame Rolle als Sprachvorbild sensibilisiert wurden, und Anregungen aus der Sprachförderung auch zu Hause im Familienalltag aufgegriffen werden können.

 

Wissenschaftliche Begleitung

Das Projekt wurde in den Kindertageseinrichtungen und Krippen während des gesamten Projektzeitraumes in unterschiedlichen Formen wissenschaftlich begleitet:

  • In 20 Kindergärten wurden im Rahmen eines Intervention-Kontrollgruppen-Designs mit Prä- und Posttest der sprachliche und motorische Entwicklungsstand von 380 Kindern erhoben, um die Wirksamkeit der umgesetzten Förderung zu überprüfen. Als standardisierte Testverfahren wurden hierzu der SETK 3-5 (Grimm, 2001) und der MOT 4-6 (Zimmer & Volkamer, 1987) eingesetzt. In 21 Krippen wurde ebenfalls in diesem Design der Sprachentwicklungsstand der Kinder zu Beginn und Ende des Projektzeitraumes anhand des SETK 2 (Grimm, 2000) erfasst. Zudem wurden die Eltern mittels eines Elternfragebogens (ELFRA-2; Grimm & Doil, 2001) zur Entwicklung ihrer Kinder befragt. Um neben einer Zwischenevaluation auch das Expertenwissen der Erzieherinnen mit in die Konzeptoptimierung einzubeziehen, wurden qualitative Interviews mit ausgewählten Erzieherinnen durchgeführt. Momentan werden die erhobenen Daten statistisch ausgewertet und in einem Forschungsbericht zusammengefasst. Erste Ergebnisse können dem zum Download zur Verfügung gestellten Abschlussbericht entnommen werden.
  • Zusätzlich beobachteten die Erzieherinnen aller Kindergärten die Sprachentwicklung der Kinder mit Hilfe der Beobachtungsbögen seldak und sismik (Ulich & Mayr, 2006), um qualitative Daten über alle Bereiche der Sprachentwicklung zu erhalten. Die bisherige Auswertung der Daten zeigt hier positive Tendenzen in der Verbesserung der Sprachentwicklung für die Interventionsgruppe.

 

Praktische Begleitung

Während des gesamten Projektzeitraums standen den Kindertageseinrichtungen feste Ansprechpartnerinnen aus dem Projektteam bei Fragen, Problemen oder Anregungen zur Verfügung. Begleitende Besuche und Gespräche z.B. über Erhebungen zur sprachlichen und motorischen Entwicklung der Kinder oder die praktische Umsetzung der Sprachförderung durch Bewegung ergänzten die Kooperation zwischen den Erzieherinnen und den Projektmitarbeiterinnen. Diese enge Zusammenarbeit wurde von den Teilnehmerinnen als sehr positiv wahrgenommen.

 

Nachhaltigkeit

Nach Angaben der ProjektteilnehmerInnen wurden die Inhalte der Fortbildung „Bewegte Sprache“ an die Teams der jeweiligen Kindergärten weitergegeben und werden auch weiterhin in den Kindertageseinrichtungen durchgeführt. Zum Einen beobachten die Erzieherinnen an sich selbst einen bewussteren Umgang und einen sensibleren Einsatz von Sprache in den Interaktionen mit den Kindern, zum Anderen nutzen sie den gesamten Kindergartenalltag, um Sprache in Spiel- und Bewegungssituationen zu fördern. Ein weiteres Interesse an möglichen Folgeprojekten und eine hohe Fortbildungsbereitschaft zeichnet die Projektgruppe aus. Fort- und Weiterbildungsmöglichkeiten werden von den Erzieherinnen als eine wichtige Komponente für eine gelingende Sprachbildung eingeschätzt. Zurzeit finden Überlegungen statt, wie die Fortbildungs- und Projektinhalte auf weitere Teile Niedersachsens ausgeweitet werden können.

 

Literatur

  • Grimm, H. (2001). SETK 3-5: Sprachentwicklungstest für drei- bis fünfjährige Kinder. Diagnose von Sprachverarbeitungsfähigkeiten und auditiven Gedächtnisleistungen. Göttingen: Hogrefe.
  • Grimm, H. (2000). SETK-2: Sprachentwicklungstest für zweijährige Kinder. Diagnose rezeptiver und produktiver Sprachverarbeitungsfähigkeiten. Göttingen: Hogrefe.
  • Grimm, H. & Doil, H. (2000). ELFRA. Elternfragebögen für die Früherkennung von Risikokindern. (ELFRA-1, ELFRA-2). Göttingen: Hogrefe.
  • Ulich, M. & Mayr, T. (2006). Seldak. Sprachentwicklung und Literacy bei deutschsprachig aufwach-senden Kindern (Beobachtungsbogen und Begleitheft). Freiburg: Herder.
  • Ulich, M. & Mayr, T. (2003). Sismik. Sprachverhalten und Interesse an Sprache bei Migrantenkindern in Kindertageseinrichtungen (Beobachtungsbogen und Begleitheft). Freiburg: Herder.
  • Zimmer, R. (2009). Handbuch Sprachförderung durch Bewegung. Freiburg: Herder.
  • Zimmer, R. & Volkamer, M. (1987). Motoriktest für vier- bis sechsjährige Kinder (MOT 4 – 6). Göttingen: Hogrefe

Wirkungen psychomotorischer Förderung auf das Selbstkonzept

Wirkungen psychomotorischer Förderung auf das Selbstkonzept

Leitung:

  • Prof. Dr. Renate Zimmer

Projektmitarbeiterinnen:

 

  • M.A. Nadine Matschulat (Uni Osnabrück Institut für Sport und
    Bewegungswissenschaften – Drittmittelprojekt)
  • Dipl. Mot. Fiona Martzy
  • Dipl. Psych. Brigitte Ruploh

 

In der praktischen Arbeit der Forschungsstelle „Psychomotorische Entwicklungsförderung“ werden im Verhalten der Kinder im Laufe der Förderung Veränderungen erlebbar: Die Kinder werden nicht nur motorisch sicherer, sondern verändern ihr gesamtes Verhalten. Sie gehen mutiger und energievoller, mit mehr Ausdauer und Frustrationstoleranz und aus eigenem Antrieb an neue Herausforderungen heran, öffnen sich in der Gruppe, sprechen mehr oder differenzierter. Wir sehen dies als nach außen erlebbaren Ausdruck eines sich positiv verändernden Selbstkonzeptes.

Während die motorische Weiterentwicklung der Kinder schon lange standardisiert erfasst wird (vgl. Forschungsbereich „Frühkindliche Entwicklungs- und Moto-Diagnostik“), ist die standardisierte Dokumentation mit Testverfahren zum Selbstkonzept schon alleine deshalb schwierig, weil Veränderungen in verschiedenen Bereichen auftreten und interagieren. Bisher fehlen geeignete veröffentlichte Instrumente insbesondere für das Vorschulalter. Wie also lassen sich die Effekte, die wir im Förderalltag erleben, erfassen?

Im Rahmen der psychomotorischen Förderung rückt immer wieder die Frage in den Vordergrund, wie die Selbsteinschätzung der Kinder sich im Motorikquotienten wiederspiegelt und in wieweit eine parallele Veränderung nach einer gewissen Förderperiode verzeichnet werden kann.

Wir begannen im Herbst 2011 ein Pilotprojekt mit Deusingers unveröffentlichtem FKSI (Frankfurter Kinder-Selbstkonzept-Inventar, Deusinger, I.M. (2002), unveröffentlichtes Manuskript, Frankfurt am Main) und der Erfassung des motorischen Entwicklungsstandes mit dem MOT 4-6 von Prof. R. Zimmer und Prof. M. Volkamer. Die Kinder fertigten außerdem eine Mensch-Zeichnung von sich an. Mit den Eltern und Erzieherinnen führten wir halbstrukturierte Interviews durch, um auch deren Einschätzung der Kinder detailliert erfassen zu können. Derzeit werden die ersten Ergebnisse dieser Pilotstudie ausgewertet.

Ausgehend davon, dass sich das Körperkonzept als ein erstes Teil-Selbstkonzept ausdifferenziert, beschäftigen wir uns zusätzlich mit der Frage, wie das Körperkonzept bei Kindern adäquat erfasst werden kann, d. h. mit geringerem verbalen Anteil als in Fragebögen und mehr ausgerichtet an dem, was wir an Entwicklung durch die Psychomotorik erleben. So bildet sich beispielsweise das Gefühl für die Länge der eigenen Gliedmaßen, für den Umfang des eigenen Körpers durch Klettern, durch Bewegung durch engere Räume usw. Die Kinder differenzieren hier das Wissen um ihren Körper, oft ohne dies bewusst zu fassen. Dennoch können sie dann Aussagen treffen, durch einen wie großen Reifen sie sich beispielsweise winden können, ohne diesen zu berühren.

Psychomotorische Förderung

Psychomotorische Förderung

Leitung:

  • Prof. Dr. Renate Zimmer

MitarbeiterInnen:

  • Dipl. Mot. Fiona Martzy(nifbe)
  • M.A. Nadine Matschulat (Uni Osnabrück Institut für Sport und
    Bewegungswissenschaften – Drittmittelprojekt)

Dokumentation:

  • M.A. Nadine Vieker

Ausgangslage

Das Bewegungsverhalten von Kindern ist ein wichtiger, im frühkindlichen Alter vielleicht der wichtigste Faktor für gelingende Entwicklungsprozesse. Über Bewegung und Wahrnehmung interagieren Kinder mit ihrer Umwelt. Die zunehmende Mediatisierung, die auch vor den Kinderzimmern der Kleinkinder nicht halt macht, hat zur Folge, dass viele entwicklungsrelevante Wahrnehmungs- und Bewegungserfahrungen nicht mehr ausreichend vorhanden sind. Die vermehrte Einschränkung der kindlichen Bewegungswelt spiegelt sich in der motorischen Leistungsfähigkeit der Kinder wider. Bei vielen Kindern sind schon sehr früh koordinative und motorische Auffälligkeiten zu beobachten. Da das Körperkonzept von Kindern die Basis für die Entwicklung des Selbstkonzeptes bildet, wirken sich motorische Defizite meist auch negativ auf das Selbstkonzept des Kindes aus. An dieser Stelle setzen psychomotorische Förderkonzepte an. Sie bieten Kindern den Raum für spielerisch orientierte Bewegungs- und Wahrnehmungserfahrungen.

 

Konzeption

Das pädagogisch-therapeutische Konzept der Psychomotorik geht von einer engen wechselseitigen Verbindung zwischen psychischen Prozessen und Bewegung aus. Über das Medium Bewegung wird versucht, eine tragende Beziehungsebene aufzubauen, die psychische Befindlichkeit positiv zu beeinflussen und durch einen ganzheitlichen Zugang die Bewegungs- und Wahrnehmungsfähigkeit der Kinder zu fördern und sie in ihrer Gesamtentwicklung zu unterstützen. Ziel der Psychomotorik ist es, über Bewegungserlebnisse zur Stabilisierung der Persönlichkeit beizutragen und Situationen anzubieten, in denen Kinder Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten aufbauen können. Diese Erfahrungen werden durch gezielte Spiel- und Bewegungsangebote gefördert, bei denen individuelle Herausforderungen, die Unterstützung der Eigenaktivität und Selbstwirksamkeitserlebnisse entscheidend sind.

Inhalte
Die Inhalte der psychomotorischen Förderung sind vielfältig und werden flexibel gestaltet, um den individuellen Bedürfnissen der Kinder gerecht werden zu können. Mögliche Elemente der Förderstunden sind z. B.:

  • themengeleitete Bewegungsangebote, die den Kindern die Möglichkeit der Identifikation mit Rollen und Symbolen ermöglichen
  • großräumige Geräteaufbauten, an denen die Kinder eigenständig aktiv werden können
  • Wahrnehmungsübungen, integriert in sinnvolle Spielzusammenhänge
  • Rollenspiele zur Förderung sprachlicher Kompetenzen
  • Bewegungsspiele, die auf die Altersgruppe und den Förderbedarf der Kinder abgestimmt werden (Integrationsaspekte)

 

Literatur zum Thema

  • Zimmer, R. (2010). Handbuch der Psychomotorik. Theorie und Praxis der psychomotorischen Förderung von Kindern (5., vollst. überarb. Neuausgabe, 12. Gesamtaufl.). Freiburg: Herder.

MOT 4-8: Entwicklung eines motodiagnostischen Screeningverfahrens

MOT 4-8: Entwicklung eines motodiagnostischen Screeningverfahrens

Leitung:

  • Prof. Dr. Renate Zimmer

Projektmitarbeiterinnen:

 

  • Dipl. Psych. Brigitte Ruploh
  • M.A. Nadine Matschulat (Uni Osnabrück Institut für Sport und Bewegungswissenschaften – Drittmittelprojekt)

 

Der MOT 4-8 Screen (Motoriktest für vier- bis achtjährige Kinder, Screeningversion; Zimmer, in Vorbereitung) füllt eine Lücke in der motodiagnostischen Praxis. Es handelt sich um ein motometrisches Verfahren mit acht Testaufgaben, das der ökonomischen Grobdiagnostik des motorischen Entwicklungsstandes bei 4- bis 8-jährigen Kindern dient und neben quantitativen auch qualitative Auswertungskriterien aufweist.

Etwa 3400 Kinder wurden in der vierjährigen Phase der Entwicklung und Erprobung des MOT 4–8 Screen mit diesem Testverfahren untersucht. In großem Umfang wurden die Testungen dabei von in der Testdurchführung geschulten Pädagoginnen und Pädagogen aus der Praxis (z. B. Erzieher/innen) durchgeführt, so dass in der frühen Entwicklungsphase wertvolle Rückmeldung über Testdurchführung und –auswertung prozessbegleitend genutzt werden konnte und nachfolgend die Normierungsdaten unter adäquaten, der späteren Testpraxis entsprechenden Bedingungen erhoben wurden. Für die Endversion des Tests und damit die Normierung liegen 1947 vollständige Datensätze vor.

Itemanalysen und Analysen zur Testgüte werden im Manual dokumentiert. Als Normen stehen neben dem Motorikquotienten auch T-Werte, C-Werte und Prozentränge zur Verfügung. Der MOT 4-8 Screen wird im Hogrefe-Verlag publiziert.

MOT 4-6: Inhaltliche und psychometrische Untersuchung, Konstruktvalidierung

MOT 4-6: Inhaltliche und psychometrische Untersuchung, Konstruktvalidierung

Leitung:

  • Prof. Dr. Renate Zimmer

 

Projektmitarbeiterin:

  • Dipl. Psych. Brigitte Ruploh

Bei dem Motoriktest für vier- bis sechsjährige Kinder (MOT 4-6) von Zimmer und Volkamer (1987) handelt es sich um ein motometrisches Verfahren zur Erfassung des motorischen Entwicklungsstandes bei Kindern im Alter von 4 bis 6 Jahren, das vor einem psychomotorisch geprägten theoretischen Hintergrund konstruiert wurde und schnell große Verbreitung fand.

Der MOT 4-6 wird nach einer Studie von Nestler und Castello (2003) in 27,9 % der repräsentativ ausgewählten, deutschen Erziehungsberatungsstellen (Nges = 170) eingesetzt. In ambulanten und stationären kinder- und jugendpsychiatrischen Einrichtungen Deutschlands kommt der Test ebenfalls bei etwa einem Drittel der Institutionen (29 %, Nges = 92) regelmäßig zur Anwendung (vgl. Bölte, Adam-Schwebe, Englert, Schmeck & Pouska, 2000). Welsche, Rosenthal und Romer (2005) führten eine postalische Fragebogenuntersuchung in den 143 bewegungstherapeutisch arbeitenden deutschen kinder- und jugendpsychiatrischen Kliniken durch mit einer Beteiligungsrate von 62,2 %. Es zeigte sich, dass der Test in 53 % der verbleibenden 81 Kliniken diagnostisch genutzt wird und damit an zweiter Stelle der 34 genannten Verfahren liegt. Wissenschaftliche Untersuchungen mit dem MOT 4-6 können nach Recherche in medizinischen, sportwissenschaftlichen und psychologischen Datenbanken bis Dezember 2010) auf etwa 55 beziffert werden. Dabei ist zu berücksichtigen, dass nicht alle seit Erscheinen des Tests im Jahr 1987 publizierten Studien auch elektronisch erfasst sind – die ältesten, in den genannten Datenbanken auffindbaren Studien mit dem MOT 4-6 stammen aus dem Jahr 1993. Es ist also anzunehmen, dass die tatsächliche Zahl von wissenschaftlichen Arbeiten, in denen der Test Verwendung fand, höher ausfällt.

Die psychometrische und inhaltliche Untersuchung des MOT 4-6 anhand gesammelter nationaler (und für eine separate Auswertung auch internationaler) Daten dient der Testpflege. Neben Itemanalysen (Prüfung von Verteilungsparametern, Trennschärfen, Schwierigkeiten, Iteminterkorrelation, Faktorenstruktur) und Überprüfung von Testgütekriterien (Objektivität, Reliabilität, Validität) wird eine Auswertung berichteter Praxiserfahrungen und Videoanalysen auf Aufgabenebene vorgenommen. Datenerhebungen zur Normierung des Tests für spezifische Stichproben erfolgen fortlaufend. Mit Hilfe von weiteren Entwicklungsparametern soll zudem eine Konstruktvalidierung des MOT 4-6 vorgenommen werden, so dass das Konstrukt Motorik im Test anhand aktueller Daten zur Entwicklungssituation von Kindern beschrieben werden kann. Hierzu werden z. B. Zusammenhänge mit weiteren relevanten Variablen (wie zu Sprachentwicklung und Sozialverhalten) untersucht. Es kommen u. a. konfirmatorische Strukturgleichungsmodelle, Faktorenanalysen sowie regressionsanalytische und clusteranalytische Verfahren zur Anwendung. In Erarbeitung befindet sich die Neunormierung des Verfahrens.