2.5 Psychomotorische Entwicklungsförderung

Projektleitung:
Prof. Dr. Renate Zimmer

Projektmitarbeiterinnen:
Dipl. Mot. Fiona Martzy
Dipl. Mot. Peter Keßel
Dipl-. Mot. Elisabeth König

Hintergrund

Psychomotorik ist einerseits als eine spezifische Sicht menschlicher Entwicklung zu verstehen, nach der Bewegung als wesentliches Ausdrucksmedium des Menschen gesehen wird. In jede Bewegungshandlung gehen kognitive, motivationale und emotionale Aspekte ein, ebenso werden Kognitionen, Emotionen und Motivation von den Bewegungshandlungen beeinflusst. Die Auffassung der kindlichen Bewegung als Einheit von Erleben, Denken, Fühlen und Handeln legt nahe, dass zwischen diesen Bereichen nicht nur Zusammenhänge sondern auch Wechselwirkungsprozesse bestehen (vgl. Zimmer 2013).

Psychomotorik ist andererseits auch die Bezeichnung für ein pädagogisch/therapeutisches Konzept, das die Wechselwirkung psychischer und motorischer Prozesse nutzt. Über Bewegung wird versucht, eine positive Beziehung zum Kind aufzubauen, seine psychische Befindlichkeit positiv zu beeinflussen und seine Gesamtentwicklung zu unterstützen.

Psychomotorische Förderung verfolgt damit zum einen das Ziel über Bewegungserlebnisse zur Stabilisierung der Persönlichkeit beizutragen und den Aufbau eines positiven Selbstkonzeptes zu unterstützen, zum anderen soll jedoch auch eine Bearbeitung motorischer Schwächen und Störungen, aber auch der Probleme des Kindes in der Auseinandersetzung mit sich selbst und seiner Umwelt ermöglicht werden (vgl. Zimmer 2013). Ein wesentlicher Aspekt der psychomotorischen Förderung von Kindern ist der Aufbau eines positiven Selbstkonzeptes und das Erleben von Selbstwirksamkeit. Gerade in Bewegungshandlungen erleben Kinder, dass sie Ursache bestimmter Effekte sind. Im Umgang mit Objekten, Spielsituationen und Bewegungsaufgaben rufen sie eine Wirkung hervor und führen diese auf sich selbst zurück. Das Handlungsergebnis verbinden sie mit der eigenen Anstrengung, dem eigenen Können, und so entsteht ein erstes Konzept eigener Fähigkeiten. Sie lernen im Experimentieren und Ausprobieren: „Ich habe etwas geschafft, ich kann es“, dieses Gefühl stellt die Basis für das Selbstvertrauen bei Leistungsanforderungen dar (vgl. Zimmer 2013).

Die Selbstwirksamkeit gehört zu den wichtigsten Bestandteilen des Selbstkonzeptes. Sie beinhaltet die subjektive Überzeugung selbst etwas bewirken und verändern zu können. Dazu gehört die Annahme selbst Kontrolle über die jeweilige Situation zu haben, sich kompetent zu fühlen und durch die eigenen Handlungen Einfluss auf die materiale oder soziale Umwelt nehmen zu können (Zimmer 2013).

Selbstwirksamkeitsüberzeugungen können für den Erfolg entscheidender sein als die objektiven Leistungsvoraussetzungen. Wer darauf vertraut eine Aufgabe selbstständig bewältigen zu können, wird sich eher ein gewisses Schwierigkeitsniveau zutrauen. Selbstwirksamkeitsüberzeugungen haben daher auch einen stark motivierenden Effekt: Situationen, die kontrollierbar erscheinen, werden erneut aufgesucht, die eigene Kompetenzerwartung steigert das Selbstwertgefühl. Ist dagegen die Erwartung eigener Handlungskompetenz nur gering ausgeprägt, ist mit Handlungsblockierung, Vermeidungsverhalten, negativen Selbsteinschätzungen zu rechnen.

Diese Überlegungen stellen den Ausgangspunkt für eine Reihe von Forschungsfragen dar, die von der Forschungsstelle Bewegung und  Psychomotorik bearbeitet werden.

Dazu gehören z.B.

  • Untersuchung der Bedeutung von Körpererfahrungen für den Aufbau eines positiven Selbstkonzeptes und für das Erleben von Selbstwirksamkeit
  • Ermittlung von Wirkfaktoren einer psychomotorischen Förderung
  • Diagnostik des Selbstkonzeptes auf der Basis der Präferenzen der Schwierigkeitsgrade motorischer Aufgaben

Spezifische Forschungsfragen

Noch ist Feld- und Evaluationsforschung in der Psychomotorik nur vereinzelt vorhanden. Eine Bedarfsanalyse zeigt, dass die Forschungsfelder in der Psychomotorik auf unterschiedlichen Ebenen liegen. Zum einen stellen sich vielfältige Forschungsfragen, die im Bereich der Grundlagenforschung liegen, zum anderen ist es notwendig sich mit fachspezifischen Erhebungsinstrumenten zu beschäftigen, um Evaluationsuntersuchungen durchführen zu können, die vor allem die Fragen nach den Effekten der Psychomotorik beantworten sollen.

Die psychomotorische Arbeit beinhaltet viele Merkmale, die Feld- und Evaluationsforschung zu einer Herausforderung werden lassen. Grohmann (1997) nennt drei Umstände, die im Allgemeinen bei Evaluationsuntersuchungen Schwierigkeiten bereiten: erstens Maßnahmen, die lange andauern, zweitens solche, die komplex sind z. B. durch Gruppensituationen und drittens solche, die variabel ausgestaltet werden können. All diese Umstände treffen insbesondere auf die psychomotorische Förderung zu. Sicherlich sind dies nur drei von vielen weiteren Aspekten, warum psychomotorische Arbeit einen hohen Aufwand erfordert, um dokumentiert werden zu können. Für den Forschungsbereich psychomotorische Entwicklungsförderung eröffnet sich hier ein weites Aufgabenfeld, in welchem es wichtig ist sich gezielt damit auseinanderzusetzen, wie Forschungsdesigns angelegt sein müssen, um die speziellen Effekte der psychomotorischen Förderung erfassen zu können. Es werden Rahmenkonzepte entwickelt wie psychomotorische Evaluationsstandards aussehen könnten und welchen Kriterien fachimmanente Designs und Messinstrumente entsprechen müssen, damit nicht ausschließlich auf Instrumente anderer Fachdisziplinen zurückgegriffen werden muss, die für die Erhebung von psychomotorischen Effekten wenig geeignet sind weil sie zentrale Effekte nicht erfassen können. Eine konkrete Fragestellung der Forschungsstelle ist die Untersuchung der Bedeutung von Körpererfahrungen für den Aufbau eines positiven Selbstkonzeptes und für das Erleben von Selbstwirksamkeit (vgl. Kap. 2.5.1 Auswirkungen psychomotorischer Entwicklungsförderung auf das Selbstkonzept).

Die vielfältigen, durch langjährige Beobachtungen in der psychomotorische Förderstelle gewonnenen Erfahrungswerte (s. 4.1 Transferprojekte) zeigen, dass Kinder, die psychomotorische Förderung erhalten, sich nicht nur in ihrer motorischen Leistungsfähigkeit verbessern, sondern auch Veränderungen in der positiven Einstellung und Einschätzung ihrer persönlichen Kompetenzen erleben. In den qualitativen Testanteilen des neu entwickelten Screenings (s. 2.6.2 MOT 4-8 Screen; vgl. 2.6 Motodiagnostik) zeigen die Kinder deutliche Verbesserungen in der positiven Einschätzung ihrer Fähigkeiten. Nach einem Jahr Förderung tendieren sie eher zu einer erfolgsorientierten Erwartungshaltung. Die Selbsteinschätzung, wie gut die gestellte Aufgabe bewältigt werden kann, deckt sich zunehmend mit der folgenden realen Durchführung der Testaufgabe. Diese beobachteten Tendenzen werden in der weiteren Forschungsarbeit genauer analysiert. Hierbei kommen qualitative und quantitative Methoden zum Einsatz.

Detaillierte Dokumentation psychomotorischer Förderprozesse

Durch die psychomotorische Förderstelle ergibt sich ein Forschungsfeld, in welchem der psychomotorische Förderprozess systematisch dokumentiert werden kann. Dazu gehört die Planung, Durchführung und Reflexion der Fördereinheiten. Begleitend werden in den Förderstunden Sprachmitschriften angefertigt, die die verbalen Äußerungen der Kinder bei Bewegungshandlungen oder in der sozialen Interaktion dokumentieren. Zur Unterstützung der Bewegungs-, Handlungs- und Interaktionsanalyse arbeitet die Forschungsstelle mit Videodokumentationen und teilnehmender Beobachtung.

Literatur

Grohmann, R. (1997). Das Problem der Evaluation in der Sozialpädagogik. Frankfurt a. M.: Lang.

Zimmer, R. (2013). Handbuch der Psychomotorik. Theorie und Praxis der psychomotorischen Förderung von Kindern (1. Aufl. der überarbeiteten Neuausgabe, 13. Gesamtaufl.). Freiburg: Herder.

 

2.5.1   Auswirkungen psychomotorischer Entwicklungsförderung auf das Selbstkonzept

Projektleitung:
Prof. Dr. Renate Zimmer

Projektmitarbeiterinnen:
Dr. med. Anne Bischoff (bis 2012)
Dipl. Mot. Fiona Martzy
Dr. phil. Dipl. Psych. Brigitte Ruploh
M.A. Nadine Matschulat

In der praktischen Arbeit der Forschungsstelle „Psychomotorische Entwicklungsförderung“ werden im Verhalten der Kinder im Laufe der Förderung Veränderungen erlebbar: Die Kinder werden nicht nur motorisch sicherer, sondern verändern ihr gesamtes Verhalten. Sie gehen mutiger und energievoller, mit mehr Ausdauer und Frustrationstoleranz und aus eigenem Antrieb an neue Herausforderungen heran, öffnen sich in der Gruppe, sprechen mehr oder differenzierter. Wir sehen dies auch als nach außen erlebbaren Ausdruck eines sich positiv verändernden Selbstkonzeptes.

Die gesellschaftliche Bedeutung des Selbstkonzeptes, hier speziell der Kinder, wird deutlich, wenn man ein positives Selbstkonzept als individuelle Ressource oder Kompetenz versteht (vgl. Reichenbach 2006). In Anbetracht der Bedeutung individueller Ressourcen im Rahmen der Modelle von Salutogenese (Antonovsky 1997) und Resilienz (Werner & Smith 1982) wird offensichtlich, in wie weit zentrale Ziele der kindzentrierten psychomotorischen Entwicklungsförderung wie z.B. positive Selbstwahrnehmung und ausgeprägte Selbstwirksamkeit als Bestandteile des Selbstkonzeptes einen grundlegenden Beitrag zur Gesundheitsförderung und –erhaltung darstellen (vgl. Zimmer 2006; BzGA 2009).

Abbildung 4: Selbstwirksamkeitserfahrungen

Während die motorische Weiterentwicklung der Kinder schon lange standardisiert erfasst wird (vgl. Forschungsbereich Motodiagnostik), ist die Dokumentation mit Testverfahren zum Selbstkonzept schon alleine deshalb schwierig, weil Veränderungen in verschiedenen Bereichen auftreten und interagieren. Bisher fehlen geeignete veröffentlichte Instrumente insbesondere für das Vorschulalter. Wie also lassen sich die Effekte, die wir im Förderalltag erleben, zusätzlich zur deskriptiv orientierten Dokumentation in Kasuistiken standardisiert und auch quantitativ erfassen? Nach umfassenden theoretischen Vorarbeiten entschieden wir uns, zur Erfassung des Selbstkonzepts der Kinder Deusingers unveröffentlichten FKSI (Frankfurter Kinder-Selbstkonzept-Inventar) einzusetzen. Der FKSI erfasst 13 Selbstkonzeptbereiche anhand von 90 Items, bei denen die Kinder Selbsteinschätzungen vornehmen (z. B. Grad der Zustimmung zu der Aussage „Ich kann gut klettern“). Zusätzlich sollte der motorische Entwicklungsstand der Kinder anhand des MOT 4-6 (Zimmer & Volkamer 1987) untersucht werden. Um die Sichtweisen von Eltern und Erzieherinnen im Sinne einer Außenperspektive ebenfalls erfassen zu können, wurden halbstrukturierte Interviews entwickelt.

Im Herbst 2011 begann das Pilotprojekt, an dem 14 Kindergartenkinder teilnahmen, die im September 2011 neu in die Psychomotorische Entwicklungsförderung der Forschungsstelle aufgenommenen worden waren. Es handelt sich um ein Mixed-Method-Design, in dem qualitative und quantitative Daten aufeinander bezogen werden.

Im Frühsommer 2012 wurden die Erhebungen wiederholt, um so Aussagen zur Entwicklung der Selbstkonzepte der Kinder treffen zu können. In den Eltern- und Erzieherinneninterviews wurde ein Schwerpunkt auf Veränderungen im durch die Psychomotorische Entwicklungsförderung geförderten Alltagsverhalten der Kinder gelegt, in dem sich Selbstkonzept ausdrückt.

Abbildung 5: Selbstkonzeptwerte der Kinder vor und nach der kindzentrierten psychomotorischen Entwicklungsförderung

Es zeigten sich zum Konzept der kindzentrierten psychomotorischen Entwicklungsförderung passende, hypothesenkonforme signifikante Verbesserungen der Kinder in den Selbstkonzepten Angsterleben und Selbstsicherheit sowie die Tendenz einer erhöhten körperlichen Effizienz bei den Kindern (Abbildung 5). Des Weiteren wurde eine überraschende, signifikante Erhöhung der Werte für Moralorientierung – Selbstwertschätzung beobachtet. Die deduktive Analyse der Eltern- und Erzieherinneninterviews unterstützt die genannten Befunde. Eine ausführliche Beschreibung der Ergebnisse und ihre Diskussion findet sich bei Ruploh, Martzy, Bischoff, Matschulat & Zimmer (2013).

In einer später publizierten weiteren Untersuchung der geschilderten Förderung konnte anhand qualitativer Inhaltsanalysen gezeigt werden, dass Eltern und Erzieherinnen im Interview nach Beendigung der Intervention insbesondere solche Veränderungen bei den Kindern beschreiben, die kongruent sind mit erklärten Zielen der kindzentrierten psychomotorischen Entwicklungsförderung (Martzy, Ruploh & Bischoff 2015). Dieses Ergebnis liefert damit Hinweise auf die Validität des psychomotorischen Ansatzes von Zimmer (2013).

Literatur

Antonovsky, A. (1997). Salutogenese. Zur Entmystifizierung der Gesundheit. Tübingen: dgvt.

Bielefeld, J. (1991). Zur Begrifflichkeit und Strukturierung der Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper. In J. Bielefeld (Hrsg.), Körpererfahrung. Grundlagen menschlichen Bewegungsverhaltens. Göttingen: Hogrefe.

BzGA (Hrsg.) (2009). Schutzfaktoren bei Kindern und Jugendlichen. Stand der Forschung zu psychosozialen Schutzfaktoren für Gesundheit. Band 35. Köln: Eigenverlag.

Deusinger, I. M. (2002). Frankfurter Kinder-Selbstkonzept-Inventar (FKSI). Unveröffentlichtes Manuskript, Frankfurt am Main.

Martzy, F., Ruploh, B. & Bischoff, A. (2015). Veränderungen im Selbstkonzept nach psychomotorischer Förderung. Eine multimethodale Untersuchung des kindzentrierten Ansatzes. motorik, 38 (1), 10-21.

Reichenbach, C. (2006). Förderung des Selbstkonzeptes in der Psychomotorik als Teil einer Gesundheitsförderung. In K. Fischer, E. Knab & M. Behrens (Hrsg.), Bewegung in Bildung und Gesundheit (S. 365-370). Lemgo: akl.

Ruploh, B., Martzy, F., Bischoff, A., Matschulat, N. & Zimmer, R. (2013). Veränderungen im Selbstkonzept nach psychomotorischer Förderung. Eine Pilotstudie im Mixed-Methods-Design. motorik, 36 (4), 180-189.

Werner, E. E. & Smith, R.S. (1982): Vulnerable but invincible: A study of resilient children. New York: McGraw-Hill.

Zimmer, R. (2006). Bedeutung der Bewegung für Salutogenese und Resilienz. In K. Fischer, E. Knab & M. Behrens (Hrsg.), Bewegung in Bildung und Gesundheit (S. 306-313). Lemgo: akl.

Zimmer, R. (2013). Handbuch der Psychomotorik. Theorie und Praxis der psychomotorischen Förderung (1. Aufl. der überarbeiteten Neuausgabe, 13. Gesamtaufl.). Freiburg: Herder.

Zimmer, R. & Volkamer, M. (1987). MOT 4-6. Motoriktest für vier- bis sechsjährige Kinder. Weinheim: Beltz.