2.1 Frühkindliche Bewegungsentwicklung

Die Netzwerkbildung des Gehirns wird wesentlich durch die frühen Wahrnehmungs- und Bewegungstätigkeiten des Kindes beeinflusst. Der Körper ist das Werkzeug der Erfahrung, das Denken kann als verinnerlichtes Handeln aufgefasst werden. Dies bedeutet, dass das Kind auf differenzierte Bewegungs-, Handlungs- und Sinneserfahrungen angewiesen ist.

Frühkindliche Bildung geht aus von der sinnlichen Erfahrung, die Sinne müssen ausdifferenziert und in ihrer Funktion aufeinander abgestimmt werden. Die Entwicklung und Differenzierung motorischer Fähigkeiten – der Fortbewegung, des Greifens oder der Koordination von Körperbewegungen – ermöglichen immer differenziertere Wahrnehmungserfahrungen, die die Grundlage des Denkens liefern.

Dies ist Ausgangspunkt für forschendes Lernen. Aus den Erfahrungen formen Kinder Erwartungen, Theorien, Hypothesen. Sie machen sich Vorstellungen über mögliche Zusammenhänge und überprüfen dies, indem sie die Dinge genauer untersuchen (vgl. Zimmer 2012; 2014).

Der Körper fungiert dabei als Mittler der Erfahrungen, er ist aber zugleich auch Gegenstand, über den Erfahrungen gemacht werden. Körpererfahrungen haben für das Kind daher eine wichtige persönlichkeitsbildende Funktion.

Mit der Bedeutung von Körper- und Sinneserfahrungen für kindliche Entwicklungs- und Bildungsprozesse befasst sich das Projekt Eltern-Kind-Interaktion in offenen Bewegungssituationen.

Literatur

Zimmer, R. (2012). Handbuch der Sinneswahrnehmung. Grundlagen einer ganzheitlichen Erziehung (1. Ausgabe d. überarb. u. erweiterte Neuausgabe, 22. Gesamtaufl.). Freiburg: Herder.

Zimmer, R. (2014). Handbuch der Bewegungserziehung. Didaktisch-methodische Grundlagen und Ideen für die Praxis (1. Ausgabe d. überarb. u. erweiterte Neuausgabe, 26. Gesamtaufl.). Freiburg: Herder.

 

2.1.1    Bindung und Beziehung – Interaktions- und Explorationsverhalten in offenen Bewegungssituationen

Projektleitung:
Prof. Dr. Renate Zimmer

Projektmitarbeiterinnen:
M. A. Sportwiss. Mareike Sandhaus
Dipl. Reha.-Päd. Nadine Madeira Firmino
Dipl. Reha.-Päd. Stefanie Rieger
M.A. Bewegungswiss. Marina Kuhr

Videoanalyse:
M.A. Nadine Vieker

Lernprozesse sind von der Eigenaktivität des Kindes abhängig, die es insbesondere in einer seine Sinnestätigkeiten anregenden Umgebung entfalten kann. Neugierverhalten und Forschergeist eines Kindes können sich aber erst auf der Grundlage einer sicheren Bindung zu seinen Bezugspersonen optimal entwickeln.

Diese beiden Aspekte – die Bedeutung von Beziehungen und emotionaler Sicherheit und ausreichender, die Selbsttätigkeit anregenden Bewegungsmöglichkeiten – sind Schwerpunkte eines weiteren Projektes der Forschungsstelle.

Soziale Interaktionen zwischen Kind und Eltern bzw. seinen engeren Bezugspersonen werden schon früh mit körperlich-sinnlichen Erlebnissen verknüpft. Das Hoppe-Reiter-Spiel lebt z. B. von der Spannung, die sich aus dem intensiven Körperkontakt aber auch aus der Lust an sensorischen Sensationen und einer Stimulation des Vestibulärsystems ergibt. Bindung baut sich in der Interaktion auf – intensive Interaktionen entstehen auch in Bewegungssituationen, in denen Eltern und Kinder gemeinsam agieren.

Den Eltern kommt bei den Bewegungsangeboten eine besondere Rolle zu. Sie geben ihrem Kind in den Bewegungssituationen die nötige Sicherheit, die es in dieser Altersstufe braucht, um angstfrei auch schwierige Herausforderungen bewältigen und seine Umwelt dabei erforschen zu können. Der Begriff Sicherheit ist dabei in doppeltem Sinne zu verstehen: Er meint einerseits die emotionale Sicherheit, die Kinder benötigen, um sich neuen, ungewohnten Situationen zuwenden zu können, andererseits die Sicherheit in Form von Hilfestellung und Unterstützung, die Kinder benötigen, um vor Gefahren, die mit Bewegungssituationen verbunden sind, geschützt zu sein.

Die Eltern befinden sich dabei in einem Balanceakt, in dem sie einerseits Sicherheit und Unterstützung bieten und andererseits das Kind loslassen müssen, damit es selbst tätig werden und die Situation selbst erkunden kann, Erfahrungen gewinnen und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten aufbauen kann. Neben der Stärkung der physischen, aber auch der personalen Ressourcen des Kindes kommt es häufig zu einer Intensivierung der Eltern-Kind-Beziehung. Bedeutsam ist hier die Rolle der Pädagogin, die während des Bewegungsangebots die Eltern darin unterstützt, den o.g. Balanceakt zu bewerkstelligen und die Entwicklung der Kinder ebenso durch Impulse begleitet.

In dem Projekt wird anhand von Beobachtungen und Videoanalysen eruiert, wie sich Eltern-Kind-Interaktionen, aber auch Kind-Kind-Interaktionen, in offenen Bewegungssituationen entwickeln und wie sie sich auf das Explorationsverhalten der Kinder sowie auf ihr motorisches Verhalten auswirken (siehe auch Transferprojekt „Die Minis“).