Das war Bewegte Kindheit 2015

Osnabrücker Kongress "Bewegte Kindheit" mit 3.000 TeilnehmerInnen

Jonglage, Rhythmus, Tanz, Artistik – mit bewegten und bewegenden Künsten des „Kinderzirkus Luftikus" der Grundschule Bissendorf wurde der 9. Kongress „Bewegte Kindheit" in der OsnabrückHalle fröhlich und farbenfroh eröffnet. Der gemeinsam von Universität Osnabrück und dem Niedersächsischen Institut für frühkindliche Bildung und Entwicklung (nifbe) veranstaltete und seit Wochen ausgebuchte Kongress ist bundesweit die größte und renommierteste Veranstaltung zur frühkindlichen Bildung und Entwicklung in Deutschland. Über drei Tage standen mehr als 250 Vorträge, Seminare und Workshops auf dem Programm.Mit 150 national und international bekannten Referenten wurde ein attraktives Programm mit einer ausgewogenen Mischung aus Theorie und Praxis geboten.  Im thematischen Fokus standen die Inklusion, die Sprachbildung sowie die Arbeit mit Kindern unter drei Jahren.

Ungebrochen ist die Resonanz der Veranstaltung: Aus diesmal wurde die Teilnehmerzahl von 3000 schon früh erreicht: Der Kongress war  bereits zwei Monate vor Beginn ausgebucht.

Kongressleiterin und nifbe-Direktorin Prof. Dr. Renate Zimmer hob die Chancen der Bewegung im Hinblick auf die Inklusion heraus: „Bewegung ist in besonderem Maße geeignet, einen Zugang zu allen Kindern unabhängig von ihren individuellen Entwicklungs- und Lernvoraussetzungen zu finden – denn über die Bewegung können sie eigene Stärken entdecken und Selbstwirksamkeit verspüren“. Kritisch nahm Zimmer den zunehmenden Leistungsdruck bereits in der frühen Kindheit in den Blick und plädierte für „das Glück der gelungenen Tat im Hier und Jetzt.

Staatssekretär Dr. Rolf Kleindiek aus dem Bundesfamilienministerium dankte zum Auftakt den pädagogischen Fachkräften in KiTa und Grundschule für ihre „tagtägliche Höchstleistung". Er bezeichnete die frühkindliche Bildung als „politisches Schlüsselthema". Im Hinblick auf die Inklusion stellte Kleindiek heraus, dass diese zunächst einmal eine Haltung voraussetze, die jedem Kind ein Recht auf Bildung und Teilhabe einräume. Inklusion brauche aber auch entsprechende Rahmenbedingungen und hier unterstütze der Bund durch ein neues Investitionsprogramm, mit dem auch die Ausstattung in KiTas gefördert werden könne. Gemeinsam mit den Ländern habe der Bund sich desweiteren auf einen gemeinsamen „Fahrplan Kita-Qualität" geeinigt. 

Der Zusammenhang von Bewegung und Gesundheit auf der Folie der menschlichen Evolution stand im Fokus des Eröffnungsvortrages von Prof. Dr. Detlev Ganten. Der Präsident des „World Health Summit" und Vorstandsvorsitzende der „Charité – Universitätsmedizin Berlin" kritisierte, dass „Fehlernährung und Bewegungsmangel zu den modernen Seuchen geworden sind", die ebenso viel Leid und Tote forderten wie die Epidemien des Mittelalters. Bewegung und Sport hätten nicht nur direkte positive körperliche Effekte, sondern auch positive Auswirkungen auf Kognition, Emotion und soziales Verhalten. Er forderte daher „mehr Prävention und eine neue Kultur der Bewegung und der gesunden Ernährung." 

Grundsätzliche Anerkennung von Vielfalt und Teilhabe
Während der drei Kongresstage war von Inklusion-ExpertInnen wie Prof. Dr. Timm Albers, Prof. Dr. Ulrike Lüdtke, Prof. Dr. Simone Seitz und Prof. Dr. Stefan Schache  sehr deutlich herausgestellt worden, dass Inklusion nach der UN-Behindertenrechtskonvention die „grundsätzliche Anerkennung von Vielfalt" und die „gleichberechtigte Teilhabe aller Kinder" bedeute. Inklusion erfordere vor allen Dingen einen „Perspektivwechsel in den Köpfen aller Beteiligten", um die Ressourcen und Kompetenzen von Kindern vorurteilsfrei erkennen und fördern zu können. 

Internationale Perspektive und Praxis-Transfer
Neben der Inklusion stand auf diesem Kongress auch die internationale Arbeit in Kindergärten wie z.B. in Skandinavien, Südeuropa sowie in China, Japan und Südkorea im Fokus. Entsprechend kamen die 3.000 TeilnehmerInnen aus fast ganz Europa, aus Asien und Australien nach Osnabrück. Neben breit gefächerten neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen rund um das Thema Bewegung konnten die pädagogischen Fachkräfte auch in vielen Workshops die praktische Umsetzung in der KiTa zum Teil mit vollem Körpereinsatz erfahren und erproben.

 Plädoyer für Chancengerechtigkeit
Im Sinne der Inklusion und der entsprechenden Chancengerechtigkeit rief Prof. Dr. Ina Hunger zum Abschluss des Kongresses sowohl Wissenschaft wie Praxis dazu auf, nicht nur das einzelne Kind, sondern verstärkt auch gesellschaftliche und soziale Strukturen in den Blick zu nehmen, aus denen Unterschiede resultierten. „Kinder sind nicht nur verschieden, sie werden vor allem auch unterschiedlich gefördert und begrenzt, ermutigt und enttäuscht." Chancengerechtigkeit könne daher nicht meinen, allen das gleiche zu geben, sondern „diejenigen, die von ihrem sozialen Umfeld nicht die besten Chancen mitbekommen, gezielt anzusprechen und zusätzlich zu fördern."

Perfekte Organisation und mitreißendes Rahmenprogramm
Zu den Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Kongresses gehörten pädagogische und therapeutische Fachkräfte, die mit Kindern im Alter von 0 bis 10 Jahren arbeiten, die meisten als Erzieher/innen in Kindertageseinrichtungen. Sie lobten allesamt die perfekte Organisation der Veranstaltung, die mit über 50 Parallelveranstaltungen eine logistische Meisterleistung war. „Trotz der großen Anzahl an Teilnehmern fühlt man sich hier wirklich wertgeschätzt und gut umsorgt“ äußerte eine Teilnehmerin. Über 100 studentische Helferinnen und Helfer waren überall präsent und stets zur Hilfe bereit. Ein mitreißendes Rahmenprogramm am Abend mit griechischen Mitmachtänzen und den „Groove – Onkels“, die nach dem Motto  „Alles im Eimer – Instrumente braucht keiner“ ein atemberaubendes Konzert lieferten, rundeten die Kongresstage ab.

10. Kongress Bewegte Kindheit schon nächstes Jahr
Mit bewegenden Bildern und Impressionen aus den rund 250 Vorträgen, Seminaren und Workshops ging der 9. Kongress „Bewegte Kindheit" zu Ende. Die fröhliche Stimmung der engagierten Teilnehmer/innen hielt sich bis zum Schluss  – und zusammen mit ihrem Team wurde Kongressleiterin Prof. Dr. Renate Zimmer von den 3.000 TeilnehmerInnen mit Standing Ovations gefeiert. Für zusätzlichen donnernden Applaus sorgte die Ankündigung, dass der 10. Kongress „Bewegte Kindheit" zum 25jährigen Jubiläum bereits im nächsten Jahr vom 3. – 5. März 2016 stattfinden wird.

Dr. Karsten Herrmann