2.8 Bewegung und Lernen

Die Vorarbeiten einer Osnabrücker Arbeitsgruppe zur Bedeutung von Bewegung für kognitive Lernprozesse in der Schule führten zur Entwicklung der Projektidee. Die Umsetzung in der Forschungsstelle Bewegung und Psychomotorik des nifbe erfolgte in Kooperation mit der deutsch-griechischen Forschungsgruppe ACAS (Active Children – Active Schools), bestehend aus SportwissenschaftlerInnen der Universitäten Osnabrück und Thrazien, Griechenland.

Active Children – Active Schools

Projektleitung:
Prof. Dr. Renate Zimmer
Ass. Prof. Dr. Antonis Kambas (Democritus-Universität, Griechenland)

Projektmitarbeiterin:
Dr. Dipl.-Päd. Elke Haberer (Universität Osnabrück)

Hintergrund und Fragestellung

Bewegung und Körperlichkeit stellen eine unerlässliche Voraussetzung für eine gesunde Entwicklung von Kindern und Jugendlichen dar. Die Folgen von Bewegungsmangel werden bislang jedoch nur unzureichend aus bildungstheoretischen Blickwinkeln diskutiert. Wenig Beachtung findet demgemäß, dass mangelnde Bewegung auch die kognitive Leistungsfähigkeit beeinträchtigen kann. Diese beeinflusst wiederum die Bildungschancen in der Schule grundlegend. Fördern und Fordern auf kognitiver Ebene muss somit im rechten Maße mit Fördern und Fordern in körperbezogenen Thematiken einhergehen.

Das Kooperationsprojekt zwischen der Universität Osnabrück, der Universität Thrazien (Griechenland) und der Forschungsstelle Bewegung und Psychomotorik hat sich zum Ziel gesetzt, Themen wie Bewegung, körperliche Aktivität, Lernen und Konzentration in Kindergarten und Grundschule zu fokussieren und Zusammenhänge zwischen motorischen und kognitiven Aspekten zu analysieren. Dabei werden mögliche Bildungschancen von Bewegung beleuchtet und praktische Konsequenzen für die Implementierung von Bewegung, Spiel und Sport in Kindergarten und Grundschule konzipiert.

In einem ersten Schritt wurden Korrelationsstudien in Vor- und Grundschulen aus Deutschland und Griechenland durchgeführt, die Aussagen über Verbindungen zwischen Motorik und Kognition ermöglichen.

Untersucht wurden die körperliche Aktivität in der Woche und am Wochenende von Mädchen und Jungen im Vor- und Grundschulalter. Körperliche Aktivität umfasst sowohl Alltagsaktivitäten als auch organisierte Aktivität in der Freizeit oder der Schule. Körperliche Aktivität beinhaltet jede körperliche Bewegung, die durch die Skelettmuskulatur ausgeführt wird und zu einem erhöhten Energieverbrauch führt. Jedes Kind trug sieben Tage einen Schrittzähler, der die gelaufenen Schritte und die „aerobic steps“, also die Aktivität im Tagesverlauf aufgezeichnet hat. Parallel wurden von den Eltern Bewegungstagebücher für ihre Kinder geführt, die individuell Aufschluss über Quantitäten und Qualitäten körperlicher Aktivität und Freizeitverhalten geben. Fragebögen zur Bewegung und Aktivität für Kinder und Erwachsene lieferten darüber hinaus weitere Informationen und mittels eines Motoriktests wurde der Stand der motorischen Entwicklung erfasst.

Zu den kognitiven Fähigkeiten eines Menschen zählt die Fähigkeit zur Aufmerksamkeit. Die Konzentration, als eine bestimmte Form von Aufmerksamkeit, wird hier als eine Grundlage für erfolgreiches Lernen angesehen. Vor diesem Hintergrund wurden die Konzentrationsleistungsfähigkeit und Schulleistungen der Kinder aufgezeichnet.

Weitere Untersuchungsmerkmale von Kindern und pädagogischem Personal, wie Einstellung und Motivation zu Sport und Bewegung, waren ebenfalls Parameter für die Analysen. Auch standen strukturelle Merkmale, wie die Einbindung von Bewegung und Sport im Programm der Institution sowie Qualitäten und Quantitäten der institutionellen Bewegungszeit im Zentrum des Interesses.

In einem weiteren Schritt wurden – auf Basis der Erkenntnisse über Verbindungen und Zusammenhänge zwischen Motorik und Kognition – Konsequenzen für die Praxis, im Sinne von situations- und altersangepassten Bewegungsprogrammen, konzipiert, implementiert und evaluiert.

Ergebnisse

Erste Daten wurden in Deutschland und Griechenland in Kindergärten und Grundschulen erhoben. Im Mittelpunkt der ersten Untersuchung in deutschen Schulen standen die Fragen nach den Zusammenhängen zwischen motorischen und kognitiven Fähigkeiten und der körperlichen Aktivität sowie die Effekte einer schulintegrierten Förderung auf die motorische und kognitive Entwicklung.

Es wurden auf der Datenbasis querschnittlicher Daten und von Rechercheergebnissen Interventionsbausteine konzipiert und zunächst in Grundschulen umgesetzt. Diese lehnten an den Bausteinen der Bewegten Schule an und orientierten sich an den Forderungen des American Academy of Pediatrics (2000) und Pate et al. (2006) zur nachhaltigen Förderung körperlicher Aktivität in der Schule. Inhaltliche Schwerpunkte waren die Förderung der koordinativen und konditionellen Fähigkeiten sowie die allgemeine Erhöhung der körperlichen Aktivität.

Folgenden Fragestellungen wurde nachgegangen:

(1) Gibt es Zusammenhänge zwischen dem Motorikstatus, Aspekten kognitiver Fähigkeiten (z.B. Intelligenz, Aufmerksamkeit, Lernbereitschaft) und der körperlichen Aktivität?
Darüber hinaus wurde der Einfluss der Intervention im Längsschnitt auf die Motorik, Kognition und körperliche Aktivität unter folgenden Fragestellungen geklärt. Neben den direkten Effekten, die sich auf die gleiche Ebene beziehen, also Effekte von Aktivitäts- und Bewegungsförderung auf Aktivität und Motorik, zielte die Studie auf Transfereffekte ab, somit auch auf diese Effekte, deren Wirkung sich auf eine andere Ebene beziehen. In der vorliegenden Fragestellung geht es demgemäß um Effekte körperlicher Aktivität und Bewegung auf kognitive Fähigkeiten.

(2) Welche Wirkung auf Motorik, Kognition und körperliche Aktivität zeigt die schulintegrierte Intervention im Rahmen des Projekts „Active Children – Active Schools“?

(3) Welche nachhaltige Wirkung zeigt die Intervention „Active Children – Active Schools“ auf den Aktivitätslevel?

Die Ergebnisse aus Korrelations- und Interventionsstudien zeigen zusammenfassend, dass sich generell positive signifikante Zusammenhänge zwischen motorischer und kognitiver Leistungsfähigkeit abzeichnen. Die Korrelationsrechnungen zwischen der körperlichen Aktivität und den Parametern Motorik und Kognition erbrachten in Teilbereichen (Motorik: Oberkörperkoordination, Kraft, Ausdauer; Kognition: verbale Intelligenz, alle Items der Lernbereitschaft) signifikante Zusammenhänge. Außerdem wiesen signifikante Unterschiede hinsichtlich der Aktivität von Kindern in unteren und oberen Quartilen motorischer Leistung auf signifikante Zusammenhänge in den Extremgruppen hin.

Direkte Effekte der implementierten Bewegungsintervention zeigten sich deutlich hinsichtlich der motorischen Leistungen in den Bereichen Oberkörperkoordination und Kraft. Transfereffekte lassen sich im Teilbereich der Kognition hinsichtlich der Selbstständigkeit und Sorgfalt berichten. Deskriptiv verbesserten sich die nonverbale und verbale Intelligenz.

Literatur

American Academy of Pediatrics Committee on Sports Medicine and Fitness and Committee on School Health (2000). Physical Fitness and Activity in Schools. Pediatrics, 105 (5), 1156-1157.

Haberer, E. (2011). Active Children – Active Schools: Zusammenhänge zwischen Motorik, Kognition und körperlicher Aktivität. Eine empirische Studie zu den Effekten einer in den Schulalltag integrierten Bewegungsförderung in der Primarstufe. E-Dissertation.

Kambas, A., Michalopoulou, M., Manthou, E., Christoforidis, C., Giannakidou, D., Venetsanou, F., Haberer, E., Fatouros, I. G., Chatzinikolaou, A., Gourgoulis, V. & Zimmer, R. (2012). The Relationship between Motor Proficiency and Pedometer-Determined Physical Activity in Young Children. Pediatric Exercise Science.

Pate, R. R., Davis, M. G., Robinson, T. N., Stone, E. J., McKenzie, T. L. & Young, J. C. (2006). Promoting physical activity in children and youth. Circulation, 114 (11), 1214–1224.