2.6 Motodiagnostik

Leitung:
Prof. Dr. Renate Zimmer

Projektmitarbeiterinnen:
Dr. Phil. Dipl.-Psych. Brigitte Ruploh
MA. Nadine Matschulat
Dipl.-Mot. Fiona Martzy
Dipl.-Mot. Peter Keßel

Für die Motodiagnostik als ein Teilbereich der Psychomotorik ist ihr kindzentrierter, ganzheitlicher und ressourcenorientierter Ansatz charakteristisch. Dieser Ansatz prägt folglich auch die Instrumentarien, die die Motodiagnostik dem Wissenschaftler und dem pädagogisch oder therapeutisch Arbeitenden zur Einschätzung des motorischen Entwicklungsstandes bei Kindern zur Verfügung stellt. Ziel der Motodiagnostik ist es, mit Hilfe von beobachtenden, beschreibenden und messenden Erfassungstechniken „Aussagen über das menschliche Bewegungsverhalten zu machen, Entscheidungen über spezifische Fördermaßnahmen zu treffen und damit Anhaltspunkte zur Veränderung motorischen Verhaltens zu geben“ (Zimmer & Volkamer 1987, S. 4).

2.4.1 MOT 4-6: Inhaltliche und psychometrische Analyse, Konstruktvalidierung

Bei dem Motoriktest für vier- bis sechsjährige Kinder (MOT 4-6) von Zimmer und Volkamer (1987) handelt es sich um ein motometrisches Verfahren zur Erfassung des motorischen Entwicklungsstandes bei Kindern im Alter von 4 bis 6 Jahren, das vor einem psychomotorisch geprägten theoretischen Hintergrund konstruiert wurde und schnell große Verbreitung fand.

Abbildung 5: Testaufgabe „Einbeiniger Sprung in einen Reifen“ im MOT 4-6

 

Der MOT 4-6 wird nach einer Studie von Nestler und Castello (2003) in 27,9 % der repräsentativ ausgewählten, deutschen Erziehungsberatungsstellen (Nges = 170) eingesetzt. In ambulanten und stationären kinder- und jugendpsychiatrischen Einrichtungen Deutschlands kommt der Test ebenfalls bei etwa einem Drittel der Institutionen (29 %, Nges = 92) regelmäßig zur Anwendung (vgl. Bölte, Adam-Schwebe, Englert, Schmeck & Pouska 2000). Welsche, Rosenthal und Romer (2005) führten eine postalische Fragebogenuntersuchung in den 143 bewegungstherapeutisch arbeitenden deutschen kinder- und jugendpsychiatrischen Kliniken durch mit einer Beteiligungsrate von 62,2 %. Es zeigte sich, dass der Test in 53 % der verbleibenden 81 Kliniken diagnostisch genutzt wird und damit an zweiter Stelle der 34 genannten Verfahren liegt. Wissenschaftliche Untersuchungen mit dem MOT 4-6 können nach Recherche in medizinischen, sportwissenschaftlichen und psychologischen Datenbanken (bis Dezember 2010) auf etwa 55 beziffert werden. Dabei ist zu berücksichtigen, dass nicht alle seit Erscheinen des Tests im Jahr 1987 publizierten Studien auch elektronisch erfasst sind – die ältesten, in den genannten Datenbanken auffindbaren Studien mit dem MOT 4-6 stammen aus dem Jahr 1993. Es ist also anzunehmen, dass die tatsächliche Zahl von wissenschaftlichen Arbeiten, in denen der Test Verwendung fand, höher ausfällt. Auch in englischsprachig publizierten Studien wird der MOT 4-6 aktuell verwendet, so z.B. bei Müller, Pringsheim, Engelhardt, Meixner, Halle, Oberhoffer, Hess & Hager (2013).

Die Vorbereitungen für die Neuauflage konnten in 2014 abgeschlossen werden. Die Neuauflage des MOT 4-6 mit aktuellen Normen erschien 2015. Aktuelle psychometrische und inhaltliche Analysen bestätigen die Reliabilität und Validität des Tests (Ruploh 2014; Ruploh & Keßel 2016; Zimmer 2015). Die Strukturanalyse anhand eines konfirmatorischen Strukturgleichungsmodells unterstützt das theoretische Modell sieben zugrundeliegender (nicht vollständig unabhängiger) motorischer Dimensionen (wie z. B. Gesamtkörperliche Gewandtheit und Koordinationsfähigkeit, Feinmotorische Geschicklichkeit und Gleichgewichtsvermögen), weitere Analysen bestätigen zusätzlich die Verwendung des Gesamttestwertes (Ruploh 2014). Exploratorische Faktorenanalysen ergaben zwei sinnvoll zu interpretierende, ausreichend reliable Faktoren, die auf unterschiedliche Steuerungsformen hinweisen könnten (Testaufgaben, die vor allem Innensteuerung erfordern wie bei Rollen um die Längsachse und Testaufgaben, die zusätzlich vermehrte Kontextsensibilität prüfen wie bei Wurfring auffangen). Diese Faktoren weisen (nach Mediations-, Korrelations- und Cross-lagged-panel-Analysen) sogar distinkte und exklusive Zusammenhänge auf mit weiteren Entwicklungsbereichen, z. B. Sprachentwicklungsvariablen des Seldak (Ulich & Mayr 2006): Die Innensteuerungsitems des MOT 4-6 („Top-down-Komponente“) korrelieren dabei z. B. mit Items des Seldak, die das Aufrechterhalten grammatischer Regeln betreffen (also eine Innensteuerungsfähigkeit), während die Kontextsensibilitätsvariablen des MOT 4-6 („Bottom-up-Komponente“) eher zusammenhängen mit Items des Seldak, die z. B. auf Kompetenzen in sprachlichen Situationen und Kontexten abheben (wie z.B. die Fähigkeit sich auf die Lautstärke und den Ton des Gegenübers einstellen zu können). Für eine ausführliche Darstellung aller Ergebnisse vgl. Zimmer (2015) und Ruploh (2014).

Wichtige Neuerungen in der Neuauflage des MOT 4-6 (Zimmer 2015) sind neben den aktualisierten Normen z. B. die Erweiterung um qualitative Beobachtungskriterien zu jeder Testaufgabe, ein ausführlicherer Protokollbogen und ein separates, kurzgefasstes Instruktionsheft für die Durchführung (vgl. Ruploh & Keßel 2016).

2.4.2 MOT 4-8: Entwicklung eines motodiagnostischen Screeningverfahrens

Der MOT 4-8 Screen (Motoriktest für vier- bis achtjährige Kinder, Screeningversion; Zimmer, in Vorbereitung) füllt eine Lücke in der motodiagnostischen Praxis. Es handelt sich um ein motometrisches Verfahren mit acht Testaufgaben, das der ökonomischen Grobdiagnostik des motorischen Entwicklungsstandes bei 4- bis 8-jährigen Kindern dient und neben quantitativen auch qualitative Auswertungskriterien aufweist.

Abbildung 7: Testaufgabe „Bohnensäckchentransport“ im MOT 4-8 Screen

Etwa 3400 Kinder wurden in der vierjährigen Phase der Entwicklung und Erprobung des MOT 4–8 Screen mit diesem Testverfahren untersucht. In großem Umfang wurden die Testungen dabei von in der Testdurchführung geschulten Pädagoginnen und Pädagogen aus der Praxis (z. B. ErzieherInnen) durchgeführt, so dass in der frühen Entwicklungsphase wertvolle Rückmeldungen über Testdurchführung und –auswertung prozessbegleitend genutzt werden konnte und nachfolgend die Normierungsdaten unter adäquaten, der späteren Testpraxis entsprechenden Bedingungen erhoben wurden. Für die Endversion des Tests und damit die Normierung liegen 1947 vollständige Datensätze vor.

Itemanalysen und Analysen zur Testgüte werden im Manual dokumentiert. Als Normen stehen neben dem Motorikquotienten auch T-Werte, C-Werte und Prozentränge zur Verfügung. Die Publikation des MOT 4-8 Screen wird vorbereitet.

Literatur

Bölte, S., Adam-Schwebe, S., Englert, E., Schmeck, K. & Pouska, F. (2000). Zur Praxis der psychologischen Testdiagnostik in der deutschen Kinder- und Jugendpsychiatrie: Ergebnisse einer Umfrage. Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, 28 (3), 151-161.

Müller, J., Pringsheim, M., Engelhardt, A., Meixner, J., Halle, M., Oberhoffer, R., Hess, J. & Hager, A. (2013): Motor training of sixty minutes once per week improves motor ability in children with congenital heart disease and retarded motor development: a pilot study. Cardiology in the Young 23 (5), 717-721.

Nestler, J. & Castello, A. (2003). Testdiagnostik an Erziehungsberatungsstellen. In Bundeskonferenz für Erziehungsberatung e.V. (Hrsg.), Informationen für Erziehungsberatungsstellen, Heft 1 (S. 31–35). Fürth: bke.

Ruploh, B. (2014). Zur Diagnostik des motorischen Entwicklungsstandes bei Kindern: Untersuchungen der Struktur und Konstruktvalidität des MOT 4-6 [Dissertation]. Aachen: Shaker.

Ruploh, B. & Keßel, P. (2016). Die Neuauflage des MOT 4-6: Weiterentwicklung, Testgüte und praktische Erfahrungen im Überblick. motorik, 38 (4), 156-163.

Ulich, M. & Mayr T. (2006). Seldak. Sprachentwicklung und Literacy bei deutschsprachig aufwachsenden Kindern [Begleitheft 1: Konzeption und Bearbeitung des Bogens, Begleitheft 2: Literacy – pädagogische Anregungen, 10 Beobachtungsbögen]. Freiburg: Herder.

Welsche, M., Rosenthal, S. & Romer, G. (2005). Bewegungsdiagnostik und bewegungstherapeutische Professionalisierung in der klinischen Kinder- und Jugendpsychiatrie. Bewegungstherapie und Gesundheitssport 21 (5), 199-205.

Zimmer, R. (2015). MOT 4-6. Motoriktest für 4- bis 6-jährige Kinder. 3. , überarbeitete und neu normierte Auflage. Göttingen: Hogrefe.

Zimmer, R. (in Vorb.). MOT 4-8 Screen. Motoriktest für vier- bis achtjährige Kinder. Screeningverfahren.

Zimmer, R. & Volkamer, M. (1987). MOT 4-6. Motoriktest für vier- bis sechsjährige Kinder. Weinheim: Beltz.