2.10 Auswirkungen großräumiger Bewegungslandschaften auf das kindliche Bewegungsverhalten

Projektleitung:
Prof. Dr. Renate Zimmer

Projektmitarbeiter/innen:
Dr. phil. Kathrin Rolfes
M.A. Mot. Elisabeth König
M.A. Bewegungswiss. Marina Kuhr
Dipl. Reha.-Päd. Stefanie Rieger
Dr. rer. nat. Birthe Aßmann

Hintergrund

Im September 2012 wurde die Campus-Kita unter der  Trägerschaft des Studentenwerks Osnabrück eröffnet. Der konzeptionelle Schwerpunkt der Kita liegt neben der Musik auf der Bewegung. Auf diese Schwerpunkte sind auch Architektur und Ausstattung der Kita ausgerichtet: Neben einer umfangreichen Ausstattung mit Instrumenten sind die Gruppenräume der Krippenkinder mit großräumigen Bewegungslandschaften aus Holz, Rutschen, Netzen und vielfältigen Angeboten für die Sinnes- und Körperwahrnehmung ausgestattet. Im Hinblick auf den Bau der Bewegungslandschaften wurde die Kita durch die Forschungsstelle Bewegung und Psychomotorik des Niedersächsische Institut für frühkindliche Bildung und Entwicklung unter der Leitung von Prof. Dr. Renate Zimmer beraten, unterstützt und seither wissenschaftlich begleitet.

Um die Wirkungen der eingebauten Bewegungslandschaften auf das kindliche Bewegungsverhalten zu erfassen, wurde das Explorationsverhalten der Kinder in den Krippengruppen über einen Zeitraum von 6 Monaten mit Hilfe von Videoaufnahmen beobachtet. Von besonderem Interesse waren für die wissenschaftliche Arbeitsgruppe neben dem Explorationsverhalten der Kinder auch ihr Umgang mit motorischen Herausforderungen sowie die Interaktionen, die in und durch die Bewegungslandschaften zustande kommen.

Studiendesign

Von Februar bis Juli 2014 wurden wöchentlich in zwei Krippengruppen der Campus Kita Videobeobachtungen durchgeführt. Die Kinder der jeweiligen Gruppen waren in einem Alter von 2 Monaten bis zu 3 Jahren. Die Datenerhebung erfolgte videografisch, in Form einer nicht teilnehmenden, offenen Beobachtung. Zusätzlich wurden Beobachtungsprotokolle angefertigt. Die erhobenen Daten wurden anschließend von der wissenschaftlichen Arbeitsgruppe analysiert und ausgewertet.

Ergebnisse

Beschreibung der beobachteten Spielsituationen

Von 93 ausgewerteten Spielsituationen waren zu Beginn durchschnittlich zwei Kinder (1,9), im weiteren Spielverlauf drei Kinder (2,7) in Interaktion. In einem Drittel (29 %) der beobachteten Situationen explorierten Kinder allein in den Bewegungseinbauten. Die Kinder nutzten die Einbauten weitgehend selbstständig. Die pädagogischen Fachkräfte waren nur selten (in 14% der Situationen) aktiv an der Spielsituation beteiligt. Im Falle der Beteiligung zogen sie sich nach dem Einstieg in die Spielsituation, im weiteren Spielverlauf zurück.

Beschreibung der Spielgruppen

Im Hinblick auf die geschlechter- und altersspezifische Zusammensetzung in den Spielsituationen konnte festgestellt werden, dass die Einbauten vermehrt von Jungen aufgesucht wurden. Hierbei ist jedoch der grundsätzlich höhere Anteil der Jungen in den beobachteten Krippengruppen zu berücksichtigen. So fand das gemeinsame Spiel in 58,1% der beobachteten Situationen in Spielgruppen mit überwiegendem Jungenanteil bzw. ausschließlich Jungen statt, während in nur 20,4% der Situationen reine Mädchengruppen bzw. solche mit überwiegendem Mädchenanteil die Einbauten explorierten. In 21,5% der beobachteten Situationen fand das gemeinsame Spiel in geschlechtshomogenen Gruppen statt.

Die Alterszusammensetzung in den beobachteten Situationen war mit 75,8% überwiegend altershomogen (bis max. 1 Jahr Altersdifferenz). In 24,2% fanden sich Kinder mit mehr als einem Jahr Altersdifferenz zusammen.

Explorationsverhalten

Die Beobachtungen haben gezeigt, dass die eingebauten Bewegungslandschaften von den Kindern der Krippengruppen täglich genutzt wurden. Die Nutzung erfolgte phasenweise, insbesondere wurden die Bewegungslandschaften nach den Mahlzeiten am Tisch aufgesucht. Auch nach ruhigeren Phasen, wie denen des Vorlesens wurden die Höhlen zum Kuscheln oder die höheren Ebenen zum Spielen und Toben genutzt.

Abbildung 11: Freudige Exploration der Bewegungslandschaft

Je nach Alter der Kinder wurden die Bewegungslandschaften unterschiedlich genutzt. Einjährige Kinder bestiegen i.d.R. die ersten Stufen und explorierten die Höhlen der Einbauten. Vereinzelt konnte auch hier bereits das Erklimmen der Rutschen und das Herunterrutschen beobachtet werden. Die zweijährigen Kinder explorierten den Raum bereits in die Höhe und kletterten durch die unter der Decke hängenden Hängenetze der Gruppenräume. Ebenfalls nutzten sie die Höhlen der Einbauten als Ort für gemeinsame Aktivitäten (z.B. für ein gemeinsames Puppenspiel). Die dreijährigen Kinder hielten sich häufig in den höheren Ebenen auf und spielten in den Einbauten Lauf-, Rollen- und Fantasiespiele. Des öfteren ist in beiden Gruppen eine Art “Kettenreaktion“ beim Aufsuchen der Bewegungslandschaften beobachtet worden: Bewegten sich drei Kinder durch die Einbauten, suchte der überwiegende Teil der Gruppe die Bewegungslandschaften ebenfalls auf, unabhängig von dem Alter der Kinder. Besonders die zwei- und dreijährigen Kinder verbrachten diese Phasen mit intensivem Toben sowie Fang- und Rundlaufspielen, die zum Teil mit Lautmalereien und“Nachsagespielen“ unterlegt wurden. Nach durchschnittlich 20 Minuten gingen die Kinder wieder anderen Tätigkeiten im Gruppenraum nach. Machten die pädagogischen Fachkräfte konkrete Angebote (z.B. Bastelarbeiten am Tisch), ist der Aufenthalt in den Einbauten von den Kindern abgebrochen worden, um an den Angeboten teilnehmen zu können.

Nach der chronologischen Durchsicht aller videographischen Aufzeichnungen ist binnen des sechsmonatigen Beobachtungszeitraums eine eindeutige Steigerung im intraindividuellen Explorationsverhalten der Kinder zu verzeichnen. Während sich beispielsweise ein einjähriges Kind zu Beginn der Beobachtungen nur auf der untersten Ebene bewegte, explorierte es zunehmend die höheren Ebenen bis es kurz vor Abschluss des Beobachtungszeitraumes durch eines der unter der Decke hängenden Netze krabbelte. Zudem konnte im Rahmen des Beobachtungszeitraumes bei allen Kindern die Zunahme von Strategien beobachtet werden, um motorische Aufgaben zu lösen.

Umgang mit motorischen Herausforderungen

Die eingebauten Bewegungslandschaften bieten den Kindern viele Möglichkeiten mit motorischen Herausforderungen umzugehen. Der Schwierigkeitsgrad ist durch die unterschiedlichen Auf- und Eingänge individuell wählbar.

Abbildung 12: Exploration und Neugier

Ein Vermeiden von motorischen Aufgaben, an denen die Kinder zunächst gescheitert waren, war nur selten zu beobachten. I.d.R. versuchten die Kinder mit großer Ausdauer und unterschiedlichen Herangehensweisen die motorischen Aufgaben zu bewältigen.  Verletzungen, die beim Erproben motorischer Bewältigungsstrategien entstehen, sowie Tränen durch damit verbundene schmerzliche Erfahrungen, waren ebenfalls nur selten zu beobachten. Die pädagogischen Fachkräfte motivierten die Kinder mit optimistischen Kommentaren (“Das schaffst du, du kannst das!“) und unterstützten die Kinder mit verbaler Anleitung darin es selbst zu schaffen. Vereinzelt gab es Kinder, die sich lieber den Angeboten auf dem Boden widmeten, anstatt die Bewegungslandschaften zu explorieren.

Beobachtungen auf der Erfahrungsebene

Abbildung 13: Rücksichtnahme beim Explorieren

In den Bewegungslandschaften entstehen vielfältige Situationen sozialer Interaktion zwischen den Kindern. Unter anderem waren Aushandlungssituationen zu beobachten, in denen es darum ging, den Weg frei zu machen oder den Platz zu räumen. Aushandlungen wurden vereinzelt über Worte, in der Regel jedoch über Körpereinsatz geregelt. Die jüngeren Kinder zogen sich an anderen Kindern hoch, um Hürden in den Einbauten zu überwinden. Bei Fang- und Laufspielen wurden die jüngeren Kinder von den älteren Kindern “überrannt“, wenn sie die Einbauten durch ihr verlangsamtes Tempo blockierten. In solchen Situationen griffen die pädagogischen Fachkräfte ein und begleiteten die Lösung des Interessenkonflikts der Kinder.

Während die jüngeren Kinder (unter zwei Jahren) noch verstärkt mit der Bewältigung eigener motorischer Aufgaben und der Exploration der Bewegungslandschaften beschäftigt waren, nutzten die älteren Kinder (über zwei Jahre) die Einbauten verstärkt als Ort für soziale Interaktionen. Auch wurden die Gucklöcher und der Eingang der Höhlen für Versteckspiele mit den pädagogischen Fachkräften oder mit anderen Kindern genutzt. Neben großräumigen und bewegungsreichen Spielen (beispielsweise “Feuerwehrmitarbeiter“) wurden die Einbauten auch für ruhigere Spiele, Momente und 1:1-Situationen aufgesucht. Die Höhlen wurden zum Kuscheln genutzt und auch die höheren Ebenen, von denen ein weiträumiger Blick auf das Gruppengeschehen möglich war, wurden für Vorlesesituationen mit der pädagogischen Fachkraft gewählt.

Altersübergreifende Interaktionen in Form gemeinsamer Spiele in den Bewegungslandschaften fanden innerhalb des Beobachtungszeitraumes selten statt. Bei den jüngeren Kindern (unter zwei Jahren) waren jedoch Imitationen des Spiel- und Bewegungsverhaltens der älteren Kinder (über zwei Jahre) zu beobachten.

Zusammenfassung und Ausblick

In dem sechsmonatigem Beobachtungszeitraum konnte bei den Kindern eine Steigerung im Explorationsverhalten  verzeichnet werden. Insbesondere der Explorationsradius der jüngeren Kinder hat sich eindeutig erweitert, die Kinder haben den Raum zunehmend in die Höhe exploriert. Durch die alltägliche, frei zugängliche Nutzung der Einbauten erhielten die Kinder täglich die Möglichkeit, neue motorische Aufgaben zu lösen. Beim Bewältigen motorischer Herausforderungen zeigten sie sich in der Regel ausdauernd, kreativ in ihren Bewältigungsstrategien und tapfer. In welchem Ausmaß der beobachtete Zuwachs der motorischen Leistungen durch die tägliche Nutzung der Bewegungslandschaften beeinflusst wurde, wäre weiterführend mit einem Prä- und  Posttest sowie mit einer Kontrollgruppe zu überprüfen. Eine weitere Forschungsfrage, die sich aus den Beobachtungen ergab ist, inwiefern die Kinder ihr gezeigtes Verhalten bei der Bewältigung motorischer Herausforderungen (ausdauernd, kreativ in ihren Bewältigungsstrategien, tapfer) auch bei der Bewältigung alltäglicher, nicht motorischer, Herausforderungen zeigen.

Im Hinblick auf die sozialen Interaktionen in den Einbauten sind bei den Kindern viele Aushandlungssituationen beobachtet worden, die überwiegend nonverbal geregelt wurden. Ebenso zeigten die älteren Kinder (über zwei Jahre) ein bewegungsreiches und vielfältiges Spielrepertoire. Weiterführend wäre es interessant zu überprüfen, inwiefern sich die Interaktionserfahrungen und das Spielverhalten der Kinder von Kindern eines Regelkindergartens ohne Bewegungslandschaften unterscheiden.